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Bauen auf der Fischerinsel – wie sich die WBM für das historische Erbe in der Stadt engagiert

4 Minuten
WBM Neubau auf historischem Grund
Inhaltsverzeichnis

Die Baufläche befindet sich mitten in einem seit dem Mittelalter dicht besiedelten Gebiet. In den Jahren 2016/17 und 2020/21 wurden aufwändige archäologische Grabungen durchgeführt. Die ältesten Spuren reichen zurück bis in die Gründungszeit Berlins um 1200. Bis in knapp 5 m Tiefe waren Fundamente, Keller von Gebäuden, Hof- und Wegebefestigungen, Brunnen und eine Latrine aus dem 14. Jahrhundert erhalten. Die Latrine wurde freigelegt und gesichert. Sie wird nach Abschluss der Bauarbeiten in der nahegelegenen Grünanlage ausgestellt. Die quadratische Latrine mit einer Seitenlänge von 1,8 m wurde aus großformatigen Ziegelsteinen errichtet und hatte eine Tiefe von knapp 2 m. Die aus ergänzten Gefäßen und Tierknochen bestehende Verfüllung der Latrine bildet ein zeitlich geschlossenes Ensemble, vermutlich aus einem Haushalt des 14. Jahrhunderts, darunter vielleicht sogar als „Nachtgeschirr“ gebrauchte Keramik. Die Latrine ist von besonderer stadtgeschichtlicher Bedeutung, weil sie eines der ältesten profanen Ziegelbauwerke Berlins darstellt. Sie ist ein Anzeichen für die damalige zunehmende wirtschaftliche Konsolidierung Berlins, denn zumeist wurde in dieser Zeit noch mit Holz gebaut.

Historische Funde dokumentieren und bergen

Der erste Teil der archäologischen Grabungen am Standort des künftigen Neubaus wurde von der WBM mit einer ausstellungsgleichen Informationswand entlang des Bauzauns begleitet. Zusätzlich wurden für alle interessierten Besucherinnen und Besucher zweimal im Monat kostenfreie Führungen über den Ausgrabungsbereich angeboten. Im September 2019 wurden die Ausgrabungen und Ergebnisse im Rahmen einer Veranstaltung zum Tag des offenen Denkmals präsentiert.

„Damit diese wichtigen Zeugnisse der Geschichte nicht ungesehen zerstört werden, müssen sie rechtzeitig vor Baubeginn sorgfältig dokumentiert und die Funde geborgen werden. Dass ein ganzes Bauteil – in diesem Fall eine komplette Latrine – erhalten wird, ist eine Besonderheit“, so Landeskonservator Dr. Christoph Rauhut. „Wir danken der WBM, dass sie so verantwortungsbewusst mit Berlins historischem Erbe umgeht und den Fund in Zukunft sogar öffentlich zugänglich machen wird.“

WBM-Geschäftsführerin Christina Geib ergänzt: „Wir unterstützen die Grabungen im Auftrag des Landesdenkmalamts gerne. Denn hier baut die WBM mittendrin, auf einem Gelände, wo es seit mehr als über 800 Jahren eine städtische Siedlung gibt, ein Stück des künftigen Berlins. Wir sind uns der Verantwortung für das historische Erbe unserer Stadt bewusst und freuen uns darauf, wenn die mittelalterliche Ziegelstruktur bald neben unserem modernen Neubau zu besichtigen ist.“

Bezahlbare Mietwohnungen auf der Fischerinsel

Auf der Fischerinsel entstehen bezahlbare Mietwohnungen für alle Generationen. Die Nutzungsmischung sieht neben Ein- bis Vier-Zimmer-Wohnungen auch möblierte Apartments und Wohngemeinschaften für Studierende vor. Im Erdgeschoss sind fünf Gewerbeeinheiten und eine Kita vorgesehen, dazu ein Concierge-Service für die Bewohnerinnen und Bewohner.

Im Jahr 2021 wurde zunächst die Baugrube fertiggestellt. In dieser Zeit wurden auch die archäologischen Grabungen fortgesetzt, die bereits im Vorfeld der Planungen 2016/17 stattgefunden hatten. Die Fertigstellung des Gebäudes ist für Ende 2023 geplant.

Christina Geib und Steffen Helbig, Geschäftsführung der WBM: „Mittendrin und im historischen Herzland unserer Stadt bauen wir für die Zukunft. Die WBM ist sich dabei ihrer Verantwortung bewusst. Gegenüber unserer Vergangenheit: Daher unterstützen wir gerne die archäologischen Grabungen. Gegenüber der Gegenwart: Die Planungen wurden von einem intensiven Partizipationsprozess begleitet. Und gegenüber der Zukunft: Hier entsteht neuer, bezahlbarer und generationenübergreifender Wohnraum im Zentrum der Stadt.“

Zur Pressemitteilung

Aus der Berliner Denkmalliste
Fischerinsel 1, Latrine, um 1300 am Mühlendamm

Erläuterung der vorliegenden Denkmalbedeutung

In den Jahren 2016/17 fanden umfangreiche archäologische Ausgrabungen auf dem Grundstück Fischerinsel Ecke Mühlendamm statt. Das Areal ist eine der Keimzellen der mittelalterlichen Doppelstadt Berlin/Cölln, hier der um 1200 im Rahmen des hochmittelalterlichen Landesausbaus angelegten Gründungsstadt Cölln. Die Nähe des untersuchten Baufeldes zur Pfarrkirche der Stadt Cölln ­– der Petrikirche – und dem Marktplatz der Stadt – dem späteren Köllnischen Fischmarkt – lassen bereits erkennen, dass hier ein zentraler Bereich hoch- und spätmittelalterlicher Stadtentwicklung vorliegt. Wichtige Ergebnisse wie der Nachweis der Landgewinnung im 13. Jahrhundert auf feuchtem Areal, mittelalterliche Holz- und Steinbauten sowie umfangreiche Funde liegen aus dieser archäologischen Grabung vor. Einer der singulären Befunde ist ein um 1300 in Massivbauweise errichteter Latrinenschacht. Als ansonsten in Holzbauweise vorliegende Befundkategorie bildet diese Kloake eines der ältesten Ziegelbauwerke der Stadt Berlin/Cölln. Das Bauwerk ist somit ein einzigartiges geschichtliches Zeugnis der Konsolidierung und des ökonomischen Wachstums der Stadt im Mittelalter. Seine wissenschaftliche Bedeutung ist im Zusammenspiel mit den in der Latrinenfüllung entdeckten Funden für die generelle Erforschung der Stadtentwicklung und des Lebens im Mittelalter als hoch einzustufen. Aus den genannten Gründen wird das Objekt unter Bodendenkmalschutz gestellt.

Archäologischer Befund

Die Latrine befand sich ursprünglich im hinteren Grundstücksbereich der ehemaligen Roßstraße 30a (heute Fischerstraße) auf einem Innenhof. Der noch ca. 2 m tiefe rechteckige Latrinenschacht war aus großformatigen Ziegeln des Mittelalters sehr sorgfältig gemauert. Mit ihren Außenmaßen von 2,6 mal 2,7 m und einem Innenmaß von 1,8 mal 1,8 m gehört die Anlage zu einer der größeren ihrer Zeit. Die Oberseite des Mauerwerks wurde durch wiederholte neuzeitliche Überbauung gekappt, sodass sich die originale Höhe des Bauwerks nicht mehr feststellen ließ. Das Mauerwerk bestand aus einer Außen- und einer Innenschale, die beide in festen Kalkmörtel gesetzt waren. Die Außenschale bildeten Bruchziegel und Fehlbrände, die zunächst ungeordnet die Baugrube vollständig auskleideten und stabilisierten. Vor diese mauerte man sorgfältig gesetzte Innenwände im Läufer-Binder-Verband, deren Fugen mit Kalk abgestrichen wurden. Die bis zu 7 kg schweren Ziegelsteine waren teilweise bis zu 15 cm hoch.

lm oberen Teil wiesen drei jeweils einander gegenüberliegende Balkenlöcher auf einen Zwischenboden der Einrüstung hin. Die Latrine hatte wie üblich keinen Boden, damit die flüssigen Bestandteile der Kloakenfüllung versickern konnten. Wie so oft bei der Untersuchung von Latrinenfüllungen, gab es auch hier zahlreiche Funde. Die Füllung selbst konnte in einen unteren älteren Bereich der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts und eine obere Schuttfüllung mit Funden des 16. Jahrhunderts getrennt werden. Der zeitliche Hiatus belegt, dass die Latrine während ihrer ursprünglichen Nutzung mehrfach geleert wurde.

Diese sehr humosen, hauptsächlich aus Fäkalien bestehenden Füllungen wurden im Gartenbau als Dünger eingesetzt. Aus der Datierung der unteren Latrinenfüllung ergibt sich die ungefähre Bauzeit der Latrine in der Zeit um 1300, da diese vor der ersten in der Latrine belassenen Füllschicht liegen muss. Die zahlreichen zerscherbten, aber vollständig rekonstruierbaren Gefäße zeigen aIlesamt Merkmale, die für Haushaltsgeschirr der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts typisch sind, darunter die Verzierung mit Schulterleisten und linsenbodige Schüsseln. Letztere Gefäße mit weiter Mündung könnten als Nachtgeschirr (sog. „Pisspötte“) fungiert haben und wurden komplett entsorgt, möglicherweise wenn der Nutzer an einer infektiösen Krankheit verstorben war. Herausragend ist der Fund eines aus Siegburg importierten schlanken Steinzeugkruges, einer sog. „Jakobkanne“. Mittelalterliches Steinzeug besaß aufgrund seiner Nutzungseigenschaften (Wasserdichtheit) und des langen Transportweges einen hohen Wert. Selten ist auch der Fund einer unglasierten gotischen Ofenkachel mit der Darstellung eines Greifs auf der Sichtseite. KacheIn dieser Art finden sich ansonsten im 14. Jahrhundert vor allem auf Burgen und Klöstern. Besonders letzterer Fund spricht im Zusammenhang mit der massiv gemauerten Latrine für einen wohlhabenden und somit gut ausgestatteten bürgerlichen Haushalt.

Mit der abschließenden Verfüllung des Latrinenschachts im 16. Jahrhundert endete seine Nutzungsgeschichte. Darüber entstand in der Folgezeit ein neuzeitlicher Kellerraum. Ein zur Latrine gehöriges Gebäude konnte nicht mit Sicherheit identifiziert werden. Die umgebenden Mauern des Gebäudes Roßstraße 30a vermitteln zwar einen altertümlichen Eindruck, eine genaue Datierung kann aus der Bauweise heraus jedoch nicht erfolgen. Anzunehmen ist ein Errichtungszeitraum vom 14. bis in das 17. Jahrhundert.

Bedeutung und Erhaltung

Die Latrine stellt mit ihrer ungefähren Datierung um 1300 eines der ältesten profanen Ziegelbauwerke Berlins dar. Sie belegt in ihrer quasi modernen Ausprägung die Phase der Konsolidierung und des wirtschaftlichen Aufstiegs der mittelalterlichen Doppelstadt Berlin/Cölln. Die Ausführung der ansonsten in Holzkastenkonstruktion angelegten Latrine in massiver Bauweise spricht zudem für das zunehmend stärker werdende Bedürfnis der Bürger nach verbesserten hygienischen Verhältnissen. Die teurere Steinbauweise allein verweist bereits auf einen ökonomisch potenten bürgerlichen Haushalt, der hier in der Nähe des Cöllnischen Marktes, des späteren Köllnischen Fischmarkts, gelegen war. Die Latrine aus der Zeit um 1300 bildet in Verbindung mit dem bemerkenswerten Fundensemble aus dem 14.–16. Jahrhundert einen Komplex, der in seiner Ausprägung und Erhaltung in Berlin seinesgleichen sucht. Deshalb wurde das Bauwerk nach Abschluss der Ausgrabungen erhalten und im Jahr 2021 einer substanzerhaltenden Sanierung unterzogen. Mit dem Ziel, das Bodendenkmal im nördlichen Außengelände des neu entstehenden Bauwerks auf der Fischerinsel in einer Parkanlage dauerhaft der Öffentlichkeit zu präsentieren, wurde das Objekt transportsicher verpackt und für seine Wiederaufstellung außerhalb des Baufeldes zwischengelagert.

Zusammen mit den in der Nähe gelegenen Bodendenkmalen in der Breiten Straße (BD 09097802) und am Petrikirchplatz (BD 09010175), deren bauliche Reste der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadtentwicklung in Form archäologischer Präsentationen der Öffentlichkeit gezeigt werden, bildet die Latrine einen weiteren authentischen Ausstellungspunkt zum Verständnis der Berliner Stadtgeschichte.

Literatur

  • M. Antkowiak/G. Döhner/V. Hubensack/M. Malliaris/E. Völker, Berlin-Cölln – Abfallentsorgung in der Doppelstadt. ln: Archäologie in Deutschland 4/2021, 36-37.
  • M. Antkowiak/E. Völker, Mittelalterliche Parzellen und barocker Wohlstand. ln: Archäologie in Deutschland 3/2017, 44–45.
  • M. Antkowiak/G. Döhner/E. Völker, Die Fischerinsel in Berlin-Mitte. Mittelalterliche Keimzelle von Cölln an der Spree. ln: Archäologie in Berlin und Brandenburg 2016 (2018), 83–85.
  • M. Antkowiak/G. Döhner/E. Völker, Die Fischerinsel. Mittelalterliche Gründungszelle von Cölln an der Spree. ln: MuseumsJournal Berlin & Potsdam 3/2018, 28–29.
  • M. Antkowiak/G. Döhner/E. Völker, Bauland und Parzellen. Die mittelalterliche Besiedlung der Fischerinsel in Berlin. ln: Archäologie in Berlin und Brandenburg 2017 (2019), 103–05.