Resilienz
Dr. Gunter Mann

Grüne Dächer und Fassaden

4 min.
Täglich wird in Deutschland eine Fläche von etwa 60 Hektar Natur versiegelt. Neben dem Flächenverbrauch durch das Städtewachstum zwingen uns Klimawandel, Artenschwund und auch Bevölkerungsentwicklung zum Umdenken und Handeln. Die Menschen möchten in die Städte und die Forderungen nach mehr und bezahlbarem Wohn-raum werden lauter. Doch woher nehmen? Weitere Naturflächen überbauen? Nachverdichten? Wo bleiben dabei die lebenswichtigen Grünflächen?
Inhaltsverzeichnis

Grüne Dächer und Fassaden im Kampf gegen den Klimawandel

Regelmäßig stellen extreme Wetterereignisse unsere Städte auf die Probe. Zum Schutz vor Hitzewellen und Starkregen kann vor allem Dach- und Fassadenbegrünung einen entscheidenden Beitrag leisten. Der Präsident des Bundesverbandes GebäudeGrün e.V. erklärt, wie die Vegetation in luftiger Höhe unsere Städte widerstandsfähiger macht und was sie kostet.

Täglich wird in Deutschland eine Fläche von etwa 60 Hektar Natur versiegelt. Neben dem Flächenverbrauch durch das Städtewachstum zwingen uns Klimawandel, Artenschwund und auch Bevölkerungsentwicklung zum Umdenken und Handeln. Die Menschen möchten in die Städte und die Forderungen nach mehr und bezahlbarem Wohnraum werden lauter. Doch woher nehmen? Weitere Naturflächen überbauen? Nachverdichten? Wo bleiben dabei die lebenswichtigen Grünflächen?

Die urbanen Hitzeeffekte werden durch die Sonne, dunkle Gebäude, versiegelte Oberflächen und schnell abfließendes Regenwasser verursacht. Ohne Pflanzen fehlen Evapotranspiration – also Summe aus Verdunstung von Wasser aus Tier- und Pflanzenwelt sowie von Boden- und Wasseroberflächen – und die damit verbundene Verdunstungskühlung. Die Menschen brauchen schnell erreichbare Grünflächen in ihrer unmittelbaren Umgebung zum Leben, zum Erholen oder für Sport und Spiel. Noch mehr und noch dichter bauen heißt auch nach Lösungen zu schauen, die ausreichend Grünflächen für Mensch und Tier schaffen. Hierfür bieten sich aufgrund der beschränkten Platzverhältnisse in der Stadt vorrangig Dach- und Fassadenbegrünungen an.

Mit grünen Oasen Ressourcen schonen

Begrünte Dächer und Fassaden können sich auf verschiedene Weise positiv auf das Wohlbefinden der Bewohnerinnen und Bewohner und die Bausubstanz auswirken. Zum einen schützt eine Begrünung die Dachabdichtung so vor Witterungseinflüssen, dass deren Lebensdauer sich verdoppeln kann. Zum anderen trägt die Begrünung im Winter zur Dämmung und im Sommer als Hitzeschild zum Energiesparen bei.

Darüber hinaus können Dachbegrünungsanlagen hervorragend Regenwasser aufnehmen und dadurch die Spitzenabflüsse in die Kanalisation mindern. So wird die Stadt widerstandsfähiger gegen Extremwetterereignisse und stärkt die eigene Resilienz. Durch die Verdunstung des gespeicherten Wassers wird außerdem die Umgebungsluft gekühlt und befeuchtet.

Für die Bewohnerinnen und Bewohner schaffen einsehbare oder begehbare Dachbegrünungen ein angenehmeres Arbeits- und Wohnumfeld, das zusätzlich mehr Biodiversität in der Großstadt ermöglicht. Das Reizvolle für alle Investoren ist, dass der Baugrund für diese weiteren Nutzflächen des Gebäudes kostenlos ist. Er wurde ja schon ebenerdig bezahlt und erfährt auf dem Dach eine „Zweitnutzung“. Und die Kosten der Dachbegrünungen sind weitaus geringer als die Kosten eines Grundstücks.

Zwei Arten der Dachbegrünung

Begrünbar sind Flachdächer und Schrägdächer. Generell unterscheidet man zwischen Extensiv- und Intensivbegrünungen. Die extensiven Gründächer zeichnen sich durch eine geringe Aufbauhöhe (ca. 8–15 cm), ein geringes Gewicht (ca. 80–170 kg/m²) und eine pflegeleichte Vegetation aus. Extensivbegrünungen werden nur ein- bis zweimal im Jahr zur Pflege begangen.

Dagegen sind Intensivbegrünungen erweiterte Wohnräume (Dachgärten), auf denen ähnliche Pflanzen wie im ebenerdigen Garten wachsen. Dementsprechend ist der Gründachaufbau höher (ab ca. 25 cm) und schwerer (ab ca. 300 kg/m²). Die Pflege gestaltet sich wie sonst im Garten je nach Pflanzenauswahl mehr oder weniger aufwendig. Intensiv begrünte Dächer gibt es in der Regel nur auf Flachdächern. Hingegen können Extensivbegrünungen auch auf Schrägdächern bis zu einer Dachneigung von etwa 45 Grad gebaut werden. Jedoch sind ab 15 Grad Dachneigung besondere Maßnahmen zur Rutschsicherung notwendig.

Extensivbegrünungen gibt es je nach Schichtaufbau und Flächengröße schon ab etwa 25–30 Euro/m², begehbare Dachgärten liegen je nach Aufbauhöhe und Ausstattung bei etwa 60–150 Euro/m². Bei der Pflege sind bei extensiven pro Jahr und Quadratmeter etwa 1–3 Euro und bei intensiven Dachbegrünungen 3–8 Euro einzuplanen.

Ein Obstgarten über den Dächern

Aus den angeführten „klassischen“ extensiven und intensiven Dachbegrünungen können weitere Gestaltungsformen abgeleitet werden, die bestimmte Zwecke erfüllen. Beim Biodiversitätsdach wird vor allem auf eine artenreiche Vegetation gesetzt, die möglichst vielen verschiedenen Insekten und Kleintieren Lebensraum bietet. Beim sogenannten Retentionsgründach wird der klassische Gründachaufbau durch eine zusätzliche Retentionsschicht und einen Drosselablauf ergänzt, die nochmals 80–160 Liter Niederschlag pro Quadratmeter zurückhalten und gedrosselt ableiten können.

Eine Kombination aus bewachsenem Dach und grüner Energie bildet das Solar-Gründach. Hier werden zusätzlich zur Vegetation noch Photovoltaikanlagen verbaut. Ein besonderes Highlight für die Bewohnerinnen und Bewohner kann das sogenannte Urban-Farming sein. Dabei werden Flächen als Dachgarten für den Obst- und Gemüseanbau genutzt.

Die Hausfassade als Grünfläche

Fassadenbegrünungen lassen sich vereinfacht in zwei Kategorien einteilen: die bodengebundene und die wandgebundene Begrünung. Die traditionellen bodengebundenen Begrünungen erfolgen an einer fertigen Außenwand je nach Bepflanzung mit oder ohne Kletterhilfe. Sie zeichnen sich im Wesentlichen dadurch aus, dass die verwendeten Pflanzen „Kletterpflanzen“ sind und eine direkte Verbindung zum Boden haben. Die Wasser- und Nährstoffversorgung findet in der Regel über natürliche Einträge statt. Eine regelmäßige fachgerechte Pflege ist hierbei dennoch notwendig.

Wandgebundene Begrünungssysteme bilden hingegen für gewöhnlich die Fassade der Außenwand und ersetzen andere Materialien wie Glas, Faserzement oder Metalle. Sie benötigen keinen Bodenanschluss und eignen sich daher besonders für innerstädtische Bereiche. Zudem zeichnen sie sich durch sofortige Wirksamkeit, große Gestaltungsspielräume und ein breites Spektrum verwendbarer Pflanzen aus und werden deshalb auch als „vertikale Gärten“ bezeichnet. Die Versorgung mit Wasser und Nährstoffen erfolgt über eine automatische Anlage. Der Aufwand für Pflege und Wartung ist von der Art der Gestaltung und dem verwendeten System abhängig. Insgesamt ist dieser aber höher als bei bodengebundenen Begrünungen.

Bodengebundene Fassadenbegrünungen mit Kletterhilfen schlagen mit etwa 150–300 Euro/m² zu Buche. Die wandgebundenen Begrünungen liegen je nach Flächengröße bei etwa 500–1.000 Euro/m².

So fördern Kommunen und Städte grüne Dächer und Fassaden

Dach- und Fassadenbegrünungen gewinnen im Rahmen einer klimaangepassten und wassersensiblen Stadtentwicklung bundesweit an Bedeutung. Auf kommunaler Ebene kann die Umsetzung durch verschiedene Instrumente gefördert werden. Dazu zählen Förderprogramme mit finanziellen Zuschüssen, kommunale Satzungen oder Festsetzungen in den Bebauungsplänen. Wie Städte und Kommunen aktuell Dach- und Fassadenbegrünung fördern, zeigt der „BuGG-Marktreport Gebäudegrün 2022“.

Kein nachhaltiges Bauen ohne Gebäudebegrünung

Klimawandel, Versiegelung und zunehmende Verstädterung führen zu überhitzten Großstädten. Die Folgen sind unter anderem Hitzeinseln, häufigere Sommertage und Hochwasserkatastrophen. Dach- und Fassadenbegrünungen spielen als Vorbeugungsmaßnahmen eine große Rolle und lassen sich bei vorausschauender Planung mit Zusatznutzen umsetzen. Gebäudebegrünungen sind somit ein wichtiger Bestandteil des nachhaltigen Bauens und der Strategie der Anpassung an den Klimawandel.