Resilienz
Prof. Dr. Detlef Kurth

Die resiliente Stadt

3 min.
Die Corona-Pandemie hat deutlich gemacht, wie verletzlich unsere Gesellschaft ist und wie wenig vorbereitet auf Krisenereignisse. Angesichts des Klimawandels werden Ext-remwetterereignisse und Klimaschwankungen unsere Städte in Zukunft noch häufiger treffen. Die demographische Entwicklung wird unsere Städte durch Überalterung und Fachkräftemangel stark verändern.
Inhaltsverzeichnis


 

Urbane Resilienz – Stadtentwicklung als Risikovorsorge

Die Corona-Pandemie hat deutlich gemacht, wie verletzlich unsere Gesellschaft ist und wie wenig vorbereitet auf Krisenereignisse. Angesichts des Klimawandels werden Extremwetterereignisse und Klimaschwankungen unsere Städte in Zukunft noch häufiger treffen. Die demographische Entwicklung wird unsere Städte durch Überalterung und Fachkräftemangel stark verändern.

Der Begriff „Resilienz“ bedeutet im engeren Wortsinn „Zurückfedern“ in den Ursprungszustand. Eine nachhaltige Stadtentwicklungspolitik muss aber aus Krisen lernen und sich weiterentwickeln, statt nur in den Ursprungszustand zurückzukehren. Von daher muss der Resilienzbegriff erweitert werden, um die präventive Anpassung für künftige Krisen und die Transformation – also den Wiederaufbau danach –  besser zu gestalten. Denn fehlende Prävention und Planung führen häufig zu größeren Schäden in Krisenfällen.

Ein Memorandum für widerstandsfähige Städte

Mit der Nationalen Stadtentwicklungspolitik werden die Ziele der Leipzig-Charta für eine kompakte, durchmischte, grüne und gemeinwohlorientierte Stadt in Deutschland umgesetzt. Im Herbst 2020 wurde von der Bundesregierung in diesem Rahmen ein Expertenbeirat gegründet, dessen Arbeit im Mai 2021 im Memorandum „Urbane Resilienz“ mündete.

In diesem Memorandum wird gefordert, die integrierte und vorausschauende Stadtentwicklungspolitik auf allen räumlichen Ebenen zu verstetigen. Dazu gehören umfassende Analysen des Bestands, insbesondere im Hinblick auf kritische Infrastruktur, Risikofaktoren und Vulnerabilitäten. Ebenso muss die soziale und klimatische Situation kontinuierlich überprüft und bewertet werden.

Den öffentlichen Raum zurückerobern

Da künftige Schadensereignisse räumlich und zeitlich meist schwer vorhersehbar sind, werden redundante sowie flexible Siedlungsstrukturen und Infrastrukturen immer wichtiger. Auch wird die Bedeutung von wohnungsnahen Freiräumen zunehmen. Sie dienen im Krisenfall als Orte der Entspannung und Regeneration. Überdies sorgen sie für die Verbesserung des Mikroklimas. Weil zunehmend im Homeoffice gearbeitet wird, ist es außerdem erforderlich, die Nahversorgung und Infrastruktur im Wohnquartier zu verbessern.

Insgesamt erhält vor allem der öffentliche Raum einen Bedeutungszuwachs für multiple Nutzungsansprüche, denn er darf nicht mehr einseitig vom Autoverkehr beansprucht werden. Ohnehin sind im Mobilitätsbereich starke Veränderungen zu erwarten: Die Elektromobilität macht Autos leiser und abgasfrei. Das autonome Fahren könnte zu einer Zivilisierung des städtischen Autoverkehrs und somit des städtischen Raums führen. Der öffentliche Raum kann dann von den Stadtbewohnenden zurückerobert werden: als Freiraum, Ort für Bewegung, Treffen, Gastronomie und politische Demonstrationen. Konzepte der 15-Minuten-Stadt wie etwa in Paris zeigen dies eindrücklich auf.

Resilienz als Querschnittsaufgabe in der Stadtplanung

Aspekte wie Resilienz, Risikovorsorge, Klimaanpassung und Gesundheit müssen künftig noch viel stärker mit den Instrumenten der Stadtplanung verknüpft werden. Sie sollen Bestandteil der informellen integrierten Stadtentwicklungskonzepte werden, insbesondere auch im Rahmen der Städtebauförderung. In Stadterneuerungsgebieten können Resilienzaspekte durch multiple Infrastruktur, Begrünungsmaßnahmen oder die Neugestaltung des öffentlichen Raumes umgesetzt werden.

Außerdem ist die Resilienz auch in der formellen Bauleitplanung zu verankern. Hier bestehen längst zahlreiche Festsetzungsmöglichkeiten. Angesichts der Resilienz-Anforderungen wird also eine integrierte und präventive Stadtentwicklung an Bedeutung gewinnen, die sich durch alle Planungs- und Förderinstrumente zieht.

Die Pandemie stellt uns vor zahlreiche Herausforderungen in der Gefahrenabwehr, im Gesundheitswesen oder in der Digitalisierung. Beim stationären Einzelhandel, beim Mobilitätswandel oder bei der sozialen Ungleichheit wirkt sie wie ein Trendverstärker. Angesichts des Angriffskriegs von Russland gegen die Ukraine wird nicht nur unser Verständnis von demokratischer und pluralistischer Stadtentwicklung herausgefordert, sondern auch die Versorgungssicherheit, der Ausbau erneuerbarer Energien und der Schutz kritischer Infrastruktur. Wie gut wir künftig auf Krisenereignisse reagieren, hängt maßgeblich von einer integrierten Stadtentwicklung ab. 

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