Die Preisträgerin steht mit ihrer Urkunde in der Hand vor dem Banner der Ausbildungsmesse Vocatium

Warum ich meine Ausbildung liebe? von Juni H.

Mit ihrem Beitrag zum Wettbewerb unter dem Motto „Warum ich meine Ausbildung liebe?“ überzeugte sie die Jury und erreichte den 3. Platz. Der jährlich vom IfT Institut für Talententwicklung sowie der Unternehmensverbänden Berlin-Brandenburg (UVB) ausgeschriebene Wettbewerb zeichnet Auszubildende aus, die ihre persönlichen Erfahrungen und ihre Begeisterung für ihren Ausbildungsberuf in einem kreativen Text zum Ausdruck bringen. Ziel ist es, jungen Menschen authentische Einblicke in verschiedene Ausbildungsberufe zu geben und sie bei ihrer Berufswahl zu unterstützen.

06:30 Uhr Berlin, 19.03.2083 - eine Stadt der Zukunft 


Der Altbau reibt seine Fenster und lässt das erste Tageslicht herein. 
Er stammt aus dem Jahr 2020 und steht in Berlin. Staub sammelt sich in den Hausflurecken,  sein Putz hat auch bessere Tage gesehen, aber grundsätzlich ist er stabil — zumindest redet er sich das ein. 
„Früher war hier mehr los." brummt er und zieht seine Rollläden hoch. 
Neben ihm streckt sich ein begrünter Neubau. Er wird mit Solarenergie versorgt, verwendet Regenwasser wieder und hat integrierte Insektenhotels sowie Bienenstöcke. 
„Früher war hier vor allem Wohnungsknappheit." sagt er müde. 
„Als ich in deinem Alter war, standen Menschen noch für uns Schlange. Mindestens 10 Besichtigungen täglich!" knarrt der Altbau. „Typisch neue Generation. Ihr wisst nicht, was arbeiten bedeutet." 
Ich öffne die Tür meines Ausbildungsbetriebs WBM Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte. 
Mit Kaffee in der Hand und Tablet unter dem Arm trete ich nach draußen. 
„Und genau deshalb mache ich meine Ausbildung.", sage ich und schaue zu den Fassaden hoch. 
Der Altbau brummt skeptisch. „Was änderst du schon?" 
„Mehr als du denkst. Ich lerne, wie Wohnraum entsteht, wie er erhalten wird und insbesondere, wie er fur alle bezahlbar bleibt. Ich sehe nicht nur Zahlen, sondern die Menschen dahinter." 
Der Neubau summt zustimmend. „Genau! Schließlich haben wir ja nicht mehr die 2020er." 
Der Altbau rollt seine Rollläden. „Bezahlbar? Du meinst diese nur 1.400€ kalt für 35m mit Gemeinschaftsküche-Nummer?" 
Der Neubau seufzt. „Diese Zeiten haben uns gezeigt, was falsch lief. Sowas gibt es schon lange nicht mehr, Wohnraum ist Grundrecht und die Menschen in der Immobilienbranche arbeiten daran, dass es so bleibt." 
„Ja klar." murmelt er. „Und ich bin ein Schloss in Potsdam." 
„Du bist verbittert, weil du aus der Zeit kommst, in der Gebäude überteuerte Investitionsobjekte waren. In meiner Ausbildung geht es um Lebensqualität, Durchmischung von Kulturen und nachhaltige Stadtentwicklung." 

Autsch. Sein Putz rieselt beleidigt. „Aber wenn Wohnraum so leicht und kostengünstig für alle zugänglich ist, hat er denn dann überhaupt noch Wert?" 
ch lächle. „Ein Zuhause muss kein Luxus sein, um wertvoll zu sein. Wert entsteht nicht durch Knappheit, sondern Bedeutung." 
Eine Gruppe junger Menschen läuft vorbei, diskutierend über Wohnungsvergabe, Verwaltung, soziale Konzepte und Zukunftsideen. Ich begrüße sie und fahre fort. 

 „Ich arbeite nicht nur mit Immobilien, sondern mit Menschen und ihren Lebensgeschichten. Wir digitalisieren Abläute, damit Anträge schneller bearbeitet werden, planen klimaneutral und entwickeln Quartiere, in denen Menschen bunt zusammenleben!" 
„Das ist eure Generation.", sagt der Neubau lächelnd. 
Ich schüttele den Kopf. „Es ist jede Generation, die Verantwortung übernimmt. Ohne Häuser wie den Altbau gäbe es keine Vergangenheit, aus der man lernen kann. Ohne nachhaltige, neue Ideen, keine Zukunft. Und ohne ausgebildete Fachkräfte würde beides nicht zusammenfinden." 
„Du liebst das wirklich, oder?" ,fragt der Altbau nachdenklich. 
Ich denke an meine ersten Wochen in der Ausbildung. Das Gefühl, plötzlich mehr zu sehen, als nur vier Wände und zu verstehen, dass Recht, Wirtschaft und Menschlichkeit kein Widerspruch sind, sondern zusammengehören. 
„Ja.", sage ich überzeugt. „Ich liebe meine Ausbildung, weil ich Verantwortung übernehme. Weil ich sehe, wie sehr unsere Arbeit das Leben anderer beeinflusst und weil ich jeden Tag dazu beitrage, dass sich neue Türen öffnen, wenn alte zufallen. Im wahrsten Sinne des Wortes." 
Wir sprechen noch einen Moment über Stadtentwicklung, dann gehe ich zurück zur Arbeit. Nicht nur, um Gebäude zu verwalten, sondern um Zukunft mitzugestalten.