Historische Orte

Der Bestand der WBM GmbH konzentriert sich im Zentrum Berlins – und erzählt damit Geschichte und Geschichten. Wir haben uns umgeschaut, und dokumentiert, was die Häuser und Grundstücke unseres Unternehmens zu erzählen haben. mehr ›

Geschichte in all ihren Facetten.

Über 750 Jahre reicht die Geschichte Berlins zurück. Unser Bestand liegt sogar im Gründungskern der Stadt. Die alte und jüngere Geschichte der Hauptstadt, von kurios bis traurig, von amüsant bis nachdenklich.

Diese Rubrik wird fortlaufend ergänzt. Über Hinweise, Bilder und Anekdoten von Ihnen freuen wir uns. ‹ zurück

Denkmale im Bestand der WBM Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte mbH.

Haus des Lehrers, Hochhaus an der Weberwiese, Platz der Vereinten Nationen, die Randbebauung des Gendarmenmarktes oder die Arbeiterpaläste der Karl-Marx-Allee – die Liste der denkmalgeschützten Objekte im Bestand der WBM Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte mbH liest sich wie das Who is Who bekannter Gebäude Berlins. In der Tat gehören dazu einige der Landmarks der Hauptstadt wie zum Beispiel die Henselmann’schen Türme am Frankfurter Tor oder das alte, neue Nikolaiviertel. Würde man einen Schwerpunkt suchen, fände man diesen in erster Linie in der DDR-Architektur: Nachkriegsstadtplanung, sozialistischer Wohnungsbau Marke Stalin, industrieller Plattenbau in Stahlbetonskelettbauweise sowie die Postmoderne in den 1980er-Jahren, in der die Historie wiederaufleben sollte, um eine Gegenwartsbedeutung zu erzielen. 

Doch Berlin ist viel älter. Geht man chronologisch vor, führt die Architektur-Zeitreise in eine frühere Vergangenheit, lange bevor Berlin zur "Hauptstadt der DDR" gemacht wurde, und auch vor die Weltkriege, von den vor allem der Zweite Berlin hart zugesetzt und die Stadt nachhaltig verändert hat. So weist die Spandauer Vorstadt eine rund 300-jährige, wechselvolle Geschichte auf, die in den Grundmauern so mancher Häuser rund um die Alte Schönhauser Straße bis heute zu finden ist. Kurz nach dem Abriss der Wallanlagen Mitte des 18. Jahrhunderts begann die Bebauung des Viertels. Über hundert Jahre später, als die Industrialisierung in vollem Gange war, wurde bereits wieder umgebaut, was das Zeug hält: Aus dieser Zeit stammen die vielen Gründerzeithäuser, die die Innenstadt bis heute prägen. Ihre typischen Merkmale sind die meist horizontale Fassadengliederung durch Gesimse, die zweiflügeligen Fenster, die die Häuser in Achsen einteilen sowie, wenn er denn erhalten ist, ein reichhaltiger Stuckdekor an den Straßenfassaden. Im Inneren gab es Holzböden, hohe Decken, in den Vorderhäusern oft Flügeltüren und Stuck – heute gelten diese Immobilien aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als die begehrtesten auf dem in Mitte, Kreuzberg und Friedrichshain heiß umkämpften Wohnungsmarkt.

Blick hinter die Fassaden

Doch so schön die Häuser auch gestaltet waren – hinter den Fassaden lebten die Menschen oft in desolaten, engen Verhältnissen. Hinterhäuser, Quergebäude, Seitenflügel, alles wurde nachverdichtet und zu kleinteiligem Wohnraum umfunktioniert. Hygiene, Bequemlichkeit oder gar Luxus, Fehlanzeige! Die Mietshäuser waren zumeist Nebeneinnahmequellen von Handwerkern oder Kaufleuten, wenn nicht gar Investitionen gieriger Immobilienspekulanten. 

Doch es gab auch Bauherren höheren Standes, wie den preußischen König Wilhelm den Ersten, der seine Hofbeamten in der Nähe seiner Repräsentanz irgendwo unterbringen musste und ihnen Wohnhäuser auf der Museumsinsel errichten ließ, wo sich bereits ein gewisses Bürgertum angesiedelt hatte.Noch vor dem Ersten Weltkrieg begannen einige Architekten und Stadtplaner sich Gedanken über bessere Wohnverhältnisse zu machen. Die Weisbachsiedlung in Friedrichshain oder etwas später das Hugenottenviertel in Mitte verwirklichten erste Ideen eines sozialeren Wohnungsbaus.

Was von der Stadt übrigblieb

Die Mietskasernen mit ihrem vielmals spätklassizistischen Erscheinungsbild hatten es zu dieser Zeit auch nicht mehr leicht. Schon in den 1920er-Jahren begann oft eine teilweise "Entstuckung" – aus ästhetischen und ideologischen Gründen gleichermaßen. In der Nazi-Ära wurde schließlich alles zerstört, was nur einen Hauch von Judentum in sich trug: Gerade in der jüdisch geprägten Spandauer Vorstadt war das eine ganze Menge. Viele menschliche Schicksale sind mit den Wohnungen eng verwoben – in einigen Fällen erinnern Stolpersteine oder Gedenkstätten wie im Haus Schwarzenberg an ihre einstigen Bewohner.

Dann kamen die Fliegerbomben. Was den Zweiten Weltkrieg halbwegs überstand, fiel schließlich in Ost-Berlin der DDR zum Opfer, die sich um den Altbestand kaum oder gar nicht kümmerte. Zu sehr war sie damit beschäftigt, massenweise neuen Wohnraum zu schaffen. Wenigstens sah die politische Führung dann oft vom Abriss der Gründerzeitviertel ab.

Beim Neubau setzte sich die DDR-Spitze in einem regelrechten Wettbewerb mit dem Westen unter Druck – und wurde gleichzeitig von der Sowjetunion unter Druck gesetzt. Beides gaben sie an ihre Architekten weiter: Künstlerische Gestaltungsfreiheit sieht anders aus. In Kollektiven erarbeiteten diese Entwürfe um Entwürfe, von denen oft nur ein Bruchteil wirklich realisiert wurde. Frühestes Beispiel aus der DDR-Geschichte sind die Laubenganghäuser in der Karl-Marx-Allee – Relikte eines großen, städtebaulichen Plans von niemand Geringerem als dem Philharmonie-Architekten Hans Scharoun. 

Das Hochhaus an der Weberwiese, die Arbeiterpaläste im so genannten Zuckerbäckerstil, die Frankfurter-Tor-Türme sowie die Plattenbau-Scheiben, sie alle hatten nur ein kurzes Zeitfenster, in denen sie überhaupt entstehen konnten. Zu schnell veränderte sich die Politik, die Ideologie, und mit ihr die Architektur. Den Wert dieser steinernen Zeugnisse der jüngeren Berliner Geschichte darf dies nicht schmälern: Denn alle Denkmale besitzen einen eigenen Charakter, zeigen eine technische Errungenschaft, symbolisieren eine politische Idee und tragen nicht zuletzt eine menschliche Geschichte in sich.

Gründe genug, um diese Häuser zu schützen! 

Der Denkmalschutz möchte diese Gebäude erhalten und pflegen. Sie sind Kulturgüter. Sie erzählen so viel von und über Berlin – einer Stadt, die sich immer wieder neu erfand, ja, erfinden musste. "Man lebt so, wie man wohnt, man wohnt so, wie man lebt" – es war ein gewisser Adalbert Bauwens, der diesen Spruch prägte. Der Mann hat Recht. Denn Wohnen ist Kultur. Ein besseres "Freilichtmuseum" wie die Stadt selbst gibt es nicht. 

Die WBM Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte mbH tut deshalb alles dafür, diese denkmalgeschützten Objekt in ihrem Bestand zu bewahren. Dazu gehört die bauliche Substanz wie die Dokumentation ihrer Geschichte gleichermaßen: Nachhaltige Sanierungen, die dem Original gerecht werden, und die redaktionelle Aufarbeitung im Sinne einer Web-Architekturführung durch diese denkmalgeschützten Objekte sind sozusagen Pflicht. Denn: Architektur ist Wohnen, Wohnen ist Leben.

Denkmale in Berlin-Mitte

  • Auguststraße 18 (Text für 18, 71, 79, 86)

    Altes Judenviertel.

    Um 1700 angelegt, ist die Auguststraße eine der zentralen Verkehrsachsen in der Spandauer Vorstadt und auch eine ihrer geschichtlich bedeutsamsten. Erst 1833 erhielt sie ihren heutigen Namen. Allerdings verraten gerade ihre ehemaligen Bezeichnungen „Armesündergasse“, „Armengasse“ sowie „Hospitalstraße“ etwas über ihre Anfänge. Viele der historischen Bauten haben sich hier noch erhalten und zeugen von einer 300-jährigen, wechselvollen Stadtgeschichte. Seit 1993 steht das gesamte Viertel und mit ihm die Auguststraße als Flächendenkmal unter Ensembleschutz. Es ist der einzige Altstadt-Bezirk in Berlin, der durch den Zweiten Weltkrieg kaum zerstört wurde. Das macht die Spandauer Vorstadt aus kulturhistorischer und architektonischer Sicht so einzigartig.

    Es sind in erster Linie Wohn- und Mietshäuser, die das Aussehen der Auguststraße dominieren. Die Gebäude Nummer 26B und 50A stammen in ihrem Kern aus der Zeit um 1830. Sie gehören damit zu den frühen noch überlieferten steinernen Zeugnissen. Die Restaurierung der beiden Häuser in den 1990er-Jahren legte einiges an originaler Baustruktur offen, sodass die Bauten nicht nur durch ihre ornamentale Fassadengestaltung, sondern gerade auch durch die Spuren biedermeierzeitlich-städtischer Wohnkultur im Inneren beeindrucken.
    Im Zuge der Industrialisierung und der starken Bevölkerungszunahme in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden viele der niedrigen Vorstadthäuser abgerissen und durch mehrstöckige Mietsbauten ersetzt. Die Hausnummern 18, 71, 79 und 86 stammen aus den Jahrzehnten zwischen 1860 und 1900. Vor allem das Gebäude Nummer 86 zeigt eine für die Zeit typische, mit Stilelementen der Neorenaissance verzierte Fassade.

    Um die 70.000 Menschen wohnten schließlich während des Kaiserreichs in der inneren Spandauer Vorstadt zwischen Spree, Stadtbahn und Torstraße. Meist waren es jüdische Familien, die hierher zogen. Sie prägten den Stadtteil nachhaltig. Um 1880 lebte rund ein Fünftel aller Berliner Juden hier. Als „Zeichen ihrer Emanzipation“ ließen sie, wie Bernhard Kohlenbach schreibt, „eine Fülle von jüdischen Einrichtungen“ bauen wie beispielsweise ein Krankenhaus und eine Mädchenschule, die beide an der Auguststraße lagen und als Gebäude noch heute existieren. Erst der Holocaust setzte dem jüdischen Leben hier ein grausames Ende. So genannte Stolpersteine erinnern an dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte. Auch in der Auguststraße wurden sie im Gedenken an ehemalige jüdische Bewohner in den Gehweg eingelassen.

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  • Auguststraße 71

    Altes Judenviertel.

    Die Texterläuterung finden Sie unter dem Bild Auguststraße 18.

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  • Auguststraße 79

    Die Texterläuterung finden Sie unter dem Bild Auguststraße 18.

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  • Auguststraße 86

    Die Texterläuterung finden Sie unter dem Bild Auguststraße 18.

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  • Auguststraße 26 B

    Gast- und Gästehaus.

    Das dreigeschossige Baudenkmal in der Auguststraße 26B vermittelt einen guten Eindruck von der ursprünglichen Bebauung des Stadtviertels in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als Teil der Spandauer Vorstadt war die Auguststraße damals geprägt von einer Mischung aus Wohn- und Gewerbebauten. Der Charme des einstig kleinbürgerlich-handwerklichen Quartiers hat sich hier an vielen Orten dank aufwendiger Sanierungsarbeiten noch erhalten. Auch die Fassade des Gebäudes Auguststraße 26B konnte bei der Restaurierung 1996/97 in großen Teilen in den Originalzustand der Entstehungszeit zurückversetzt werden. Seitdem erstrahlt die durch Gesimse und Kolossalpilaster streng gegliederte Straßenseite wieder in Ocker und Rosé.

    Johann David Friedrich Hering hatte das Gebäude 1829 auf einem schmalen Grundstück als Wohn- und Geschäftshaus errichten lassen. Er betrieb hier eine Gastwirtschaft, was noch heute an der Raumstruktur abzulesen ist. Der ursprüngliche Grundriss des Hauses zeigt, dass die Wohneinheiten direkt vom Treppenhaus abgingen und nicht in sich abgeschlossen waren. Dies lässt vermuten, dass die Räume überwiegend als Gästezimmer genutzt wurden. Die im Inneren noch erhaltene steile, einläufige Holztreppe aus der Bauzeit des Hauses und der kleinteilige Zuschnitt der Zimmer weisen auf ursprünglich eher einfache Wohnverhältnisse hin.

    Die angrenzenden Seiten- und Quergebäude gehören nicht zum Originalbestand. Sie wurden erst zwischen 1872 und 1876 errichtet, nachdem die älteren Hofgebäude abgerissen worden waren.

    Nach der Wiedervereinigung erlebte die Auguststraße 26B eine neuerliche kurze Blütezeit als Schankbetrieb. In vielen der damals in Berlin-Mitte noch unsanierten und leer stehenden Häuser und Läden entstanden in den Jahren nach der Wende Szenetreffs und illegal betriebene Bars und Kneipen – so auch im Keller der Auguststraße 26B. Die rund 200 Jahre alten Gewölbe sind gewissermaßen Geburtsort und erste Heimstatt des „Cookies“, eines legendären Clubs, der bis zu seiner Schließung im Sommer 2014 eine Institution in der Berliner Nachtclubszene war.

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  • Auguststraße 50 A

    Reich an Stuck und Dekor.

    Als Teil des Bauwerksensembles "Spandauer Vorstadt" steht die Auguststraße 50A seit Anfang der 1990er unter Denkmalschutz. Auffallend ist ihre an historistischem Dekor reiche Stuckfassade, die sich durch eine klare Betonung der Mittelachse auszeichnet. Die neue Schauseite wurde beim Umbau des Hauses 1866 angebracht. In dessen Zuge wurde nämlich das einst dreigeschossige Gebäude um eine Etage aufgestockt und den östlichen Seitenflügel erweitert. 

    Im Auftrag des Fabrikanten Johann Christoph Börnicke war das Anwesen um 1830 errichtet worden, und zwar vermutlich auf einem ehemaligen Garten- und Obstplantagengelände. Aus dieser Zeit stammen beispielsweise die Holztreppe und die Dielenfußböden in einigen der Wohnräume. Bei der umfassenden Sanierung und Modernisierung des seit 1866 weitgehend unverändert gebliebenen Gebäudes wurde daher 1997–99 auf den Erhalt der historischen Bausubstanz besonders geachtet.

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  • Bauhofstraße 2

    Gottfried-Keller-Haus.

    Wer Geld hatte, setzte schon im 19. Jahrhundert auf Immobilieninvestitionen. So auch der Berliner Kaufmann Johann Traugott Börner, der um 1830 auf der Museumsinsel Mietshäuser errichten ließ. Die Eckbebauung Am Kupfergraben 6A/Bauhofstraße 1 sowie die Bauhofstraße 2 (1828 erbaut) gehörten zu seinem Besitz – beide Gebäude sind heute in die Liste der Berliner Baudenkmale eingetragen.

    Sein prominentester Mieter war wohl der Schriftsteller Gottfried Keller (1819–1890). Eine Gedenktafel aus dem Jahr 1929 erinnert an dessen Berliner Zeit: "In diesem Haus wohnte in den Jahren 1854–1855 der Dichter Gottfried Keller", steht auf dem Haus Bauhofstraße 2. Allerdings gibt es dazu einige historische Ungereimtheiten: Unter Umständen wohnte Keller auch in der Nachbarschaft, auf dem Hegelplatz, und hatte die Adresse "Bauhof 2". Man munkelt, dass dieses Haus abgerissen wurde und die Tafel nur irrtümlich an der Bauhofstraße 2 angebracht wurde. Egal, die Vorstellung, dass Keller in dem Haus "Der grüne Heinrich" schrieb, ist einfach zu schön, um der historischen Wahrheit bis ins Letzte nachzufühlen. 

    Die Fassade des Wohnhauses war zu Kellers Zeiten wahrscheinlich viel aufwendiger und klassizistischer als das heutige Erscheinungsbild. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie nur vereinfacht wieder hergestellt. Die zwei äußeren Fensterachsen sind auf jeder Seite als Risalite hervorgehoben, in der Mitte sind vier Achsen, die aufgrund der Eingangstüre keine völlige Symmetrie ergeben. Die für die Zeit typischen hohen, zweiflügeligen Fenster sind an den Vorsprüngen jeweils durch kleine Gesimse zu Zweiergruppen zusammengefasst, im Mittelteil des Hauses werden sie einzeln betont. Der reich verzierte Neorenaissance-Rahmen des Eingangs mit Stuck und Verdachung stammt aus einem späteren Umbau (1876), bei dem auch ein Seitengebäude viergeschossig aufgestockt wurde. Das Vorderhaus blieb bei seinen drei Etagen. Eine Besonderheit des denkmalgeschützten Mietshauses in der Bauhofstraße ist die original erhaltene eingestemmte Holztreppe im Inneren, die mit ovalem Schwung und schneckenartigem Antritt zu den oberen Wohnungen führt. Ob Gottfried Keller sie wohl je hoch gestiegen ist?

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  • Bauhofstraße 3, 5

    Wohnen wie die königlichen Mitarbeiter.

    Bauherr: Wilhelm I., Beruf: König. Soweit die Eckdaten der Landesdenkmalkartei über den Auftraggeber der Hofbeamtenhäuser in der Bauhofstraße 3–5. Die Straße, früher mal ein Platz beziehungsweise eine Gasse, bekam ihren Namen, weil sie früher zunächst als Schiffbauplatz, später als Lagerplatz für die Baumaterialien des Stadtschlosses diente.

    Die Gesamtanlage der Beamtenwohnhäuser auf der Museumsinsel steht unter Denkmalschutz – beziehungsweise das, was von ihr nach dem Zweiten Weltkrieg übrigblieb. Denn die Häuserzeile war Teil der geschlossenen Hofanlage des Königlichen Bauhofes, bevor das Quergebäude zerstört wurde. Wilhelm I., zu jener Zeit König von Preußen und späterer erster Deutscher Kaiser, ließ die Wohnhäuser unweit seiner Repräsentanz im Alten Palais Unter den Linden für seinen Mitarbeiterstab 1865 erbauen. 

    Architektonisch interessant sind vor allem die beiden Eingangsportale, die ein Giebelportal sowie Pilastersäulen als Ornamente erhielten. Sie betonen die Mittelachsen der beiden Gebäude an den Straßenfassaden. Die erste Etage ist durch Reliefs unter sowie Verdachungen über den typisch zweiflügeligen Fenstern hervorgehoben, ab Höhe der zweiten Etagen nimmt der feingliedrige Fassadenschmuck immer mehr ab. Lediglich die horizontale Gliederung der Fassade durch Gesimse wird einheitlich über beide Hausnummern durchgezogen, was das Mansarddach noch in besonderer Weise betont. Die Straßenseite bietet drei Geschosse zuzüglich des Wohnraums im ausgebauten Dachgeschoss, auf der Hofseite sind vier Geschosse zu sehen. Die spätklassizistischen Friese und Verzierungen an den Fassaden, aber erst recht ihre besondere königliche Geschichte machen die Wohn- und Mietshäuser zu einem bedeutenden Stück Berlin.

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  • Bergstraße 28/Invalidenstraße 148

    Dicht an dicht.

    Als Johannes Gottwald 1890 sein Mietshaus an der Ecke Bergstraße/Invalidenstraße errichten ließ, gab es Neu-Voigtland eigentlich schon nicht mehr. Dennoch steht es heute, gemeinsam mit fast allen Gebäuden in der Ackerstraße, als Teil des "Ensembles ehemaliges Voigtland" unter Denkmalschutz. Der Kiez erhielt seine ursprüngliche Bezeichnung, weil Mitte des 18. Jahrhunderts scharenweise Saisonarbeiter aus dem Vogtland – einer Region an der Grenze von Bayern, Thüringen, Sachsen und Tschechien – nach Berlin kamen, um hier zu arbeiten. Friedrich der Große ließ in der Rosenthaler Vorstadt, speziell in dem Bereich nördlich der Torstraße, Gebäude für die Handwerker errichten, um sie dort anzusiedeln. Keines der Häuser der ehemaligen Kolonie ist noch erhalten, nur der Stadtgrundriss lässt noch die kleinteilige Parzellierung mit schmalen, tiefen Grundstücken erkennen. 

    Fast alle heute hier zu findenden Wohnhäuser sind kurz vor oder um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden, als Folge des Aufschwungs durch die Industrialisierung. Die Bergstraße 28 ist ein typisches Beispiel dafür, auch wenn die Ecklage die schmalen Grundstücke nicht so deutlich macht wie bei vielen Häusern in der Ackerstraße. Geschlossene Bauweise, fünf Geschosse, dichte Bebauung mit Vorderhaus, Seitenflügel, Querflügeln und Remisen herrschen hier vor. Rückwertig sind immer die Gewerbebauten zu finden. Die Straßenfassaden sind recht schlicht, es gibt wenige Balkone oder Erker. Auch die vergleichsweise relativ kleinen Wohnungen im "Voigtland" sind Zeugnis davon, dass die Bevölkerung hier eher proletarisch geprägt war.

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  • Bergstraße 81

    Sieben auf den zweiten Blick.

    Mit wenigen sparsamen Mitteln, aber durchaus nuancenreich, ließ der Holzhändler Joseph Steinbrecher sein Haus in der Bergstraße 81 im Jahre 1857 gestalten. Links und rechts über der Einfahrt gibt es kleine Puttenköpfe – ähnliche finden sich in der gleichen Straße auch auf der Hausnummer 70. Interessant ist aber auch die Gliederung der Fassade: Horizontal gibt es Sohlgesimse, die nach oben hin immer weniger ausgeprägt und im dritten Geschoss nicht mehr durchgehalten werden. Und vertikal wird eine Symmetrie vorgetäuscht, die gar nicht vorhanden ist: Zwei der sieben Fenster sind durch einen Risalitenvorsprung so von der übrigen Fassade abgesetzt, dass es scheint, als wäre die Rundbogeneinfahrt mittig mit einer darüber liegenden Fensterachse und je zwei weiteren Fenstern links und rechts davon. Dass es insgesamt sieben Fenster in jeder Etage des Hauses gibt, nimmt man erst beim zweiten Blick wahr.

    Das Mietshaus in der Bergstraße, die die Invaliden- und die Torstraße miteinander verbindet, ist als Baudenkmal eingetragen und wurde 1993 renoviert.

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  • Elisabethkirchstraße 4

    Mietskaserne unter Denkmalsschutz.

    Fast die gesamte Elisabethkirchstraße im Bezirk Mitte ist in die Liste der Kulturdenkmale des Landes Berlin eingetragen – ihre Wohnhäuser veranschaulichen die städtebauliche Entwicklung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Mietshaus mit der Hausnummer 4 gehört zum Bestand der WBM Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte mbH. Es wurde 1881 errichtet und fällt durch eine besondere Geometrie auf: Genau ein Balkon dient über dem Rundbogen-Eingangsportal gleichzeitig als Vordach, links und rechts kragen symmetrische Erker über die erste und zweite Etage vor, die den Altbauwohnungen in der dritten Etage schließlich als Balkone fungieren.

    Der Name der Straße geht auf die nahe Elisabethkirche in der Invalidenstraße zurück, einer großen Vorstadtkriche, die von Karl Friedrich Schinkel um 1830 erbaut wurde. Sie ist Teil der Rosenthaler Vorstadt – so wird heute das Gebiet rund um den Rosenthaler Platz und die Brunnenstraße bezeichnet. Aufgrund des rasanten Wachstums Berlins in der Phase der Industrialisierung wurde die Rosenthaler Vorstadt eingemeindet und die fast ländlich anmutende Bebauung musste den typischen Berliner Mietskasernen weichen, in die vor allem Arbeiter einzogen. Die meisten dieser Altbauten haben in dem Viertel den Zweiten Weltkrieg mehr oder wenig unbeschadet überstanden und gelten heute als äußerst begehrte Wohnungen auf dem Immobilienmarkt. Die Elisabethkirchstraße zählt da auf jeden Fall dazu!

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  • Gendarmenmarkt

    Französische Straße 27 A–D, Französische Straße 28–29, Jägerstraße 56, Markgrafenstraße 39–41
    DDR-Postmoderne.

    Der Gendarmenmarkt gilt als einer der schönsten Plätze Berlins – und würde man nicht so genau hinsehen, könnte man ihn auch für einen der wenigen im historischen Original überlieferten halten. Tatsächlich aber wurde er im Zweiten Weltkrieg stark zerstört. Das Konzerthaus, ehemals Schauspielhaus, sowie der Deutsche und Französische Dom waren bis auf ihre Umfassungsmauern ausgebrannt und nur wenige Häuser der Randbebauung ohne Bombentreffer.

    Der Platz glich 1945 einem Ruinenfeld – und das sollte lange Zeit auch so bleiben. Erst 1976 beschloss die DDR-Regierung den Wiederaufbau der Platzanlage samt ihrer angrenzenden Straßenzüge. Die Rekonstruktion war Teil einer größeren Kampagne, deren Ziel es war, "der sozialistischen Hauptstadt ihre historische Dimension" wieder zurückzugeben. Gerade im Hinblick auf die damals bevorstehende 750-Jahrfeier zur Gründung Berlins 1987 sollte mit der Sanierung größerer Altstadtbereiche gezeigt werden, „dass das eigentliche historische Zentrum und damit eine besondere Attraktion der Stadt auf dem Territorium der DDR lag“, wie der Architekturhistoriker und Denkmalpfleger Bernhard Kohlenbach dazu bemerkt. Ein weiterer wichtiger Grund für das aufkeimende Interesse an den Altstadt-Quartieren war die grassierende Wohnungsnot. Sie führte dazu, dass auch am Gendarmenmarkt die kriegsbedingten Baulücken in den 1980er-Jahren vornehmlich mit Wohnhäusern geschlossen wurden und nur in den Erdgeschoss-Bereichen der Blöcke Platz für Geschäfte und Restaurants vorgesehen war.

    Federführender Baumeister des großangelegten Platzprojekts war Manfred Prasser, einer der damaligen Star-Architekten der DDR. Zusammen mit einem mehrköpfigen Kollektiv zeichnete er nicht nur für die Erneuerung weiter Teile der Platzrandbebauung verantwortlich, sondern auch für den Wiederaufbau des ehemaligen Schauspielhauses als Konzerthaus. "Außen Schinkel und innen Prasser" – so fasste es der Architekt selbst einmal in einem Interview treffend zusammen. Zudem sorgte er dafür, dass das noch Anfang der 1980er-Jahre von Straßen zerschnittene Karree seine heutige Gestalt zurückerhielt.

    Plattenbau im historischen Gewand:

    So gehen die mehrstöckigen Gebäude Französische Straße 27–29, Jägerstraße 56 und Markgrafenstraße 39–41 auf Prassers Pläne zurück. Aufgabe war es, historisch anmutende Baulösungen zu finden. Staatliche Vorgaben wie die Verwendung des Plattenbausystems mit den üblichen WBS-70-Betonplatten und der Bau von Steildächern reglementierten allerdings die künstlerische Gestaltungsfreiheit. Errichtet wurden die Häuser schließlich in Stahlskelettbauweise. Aufwendig in Kleinserien produzierte Betonfertigteile kamen für die Dekoration der Fassaden mit historisierenden Schmuckelementen zum Einsatz. Platte, so das Credo, musste nicht langweilig und monoton sein. Mit Mosaiksteinen ließ sich sogar eine Jugendstil-Ornamentik wie am Haus Markgrafenstraße 40 nachbilden. Neben dem etwa gleichzeitig nach historischen Gesichtspunkten rekonstruierten Nikolaiviertel ist die Platzrandbebauung des Gendarmenmarkts "das herausragende Beispiel der DDR-Postmoderne in Berlin", so der Architekturhistoriker Martin Wörner in seinem Urteil.

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  • Gormannstraße

    Gormannstraße 6, (Text für Gormannstraße 15/Linienstraße 213, Gormannstraße 25/26)
    Berliner Altstadt.

    Die Mietshäuser in der Gormannstraße 6, 15 und 25/26, alle im Bestand der WBM Wohnungsbaugesellschaft Mitte mbH, gehören zu ein und dem gleichen Flächendenkmal, dem Ensemble Spandauer Vorstadt. Die Straßenzüge sind hier in ihrer Struktur und Wegeführung original erhalten und die Bausubstanz dieses Stadtteils ist in drei Jahrhunderten gewachsen. Das Denkmalamt beschreibt die Charakteristik der Spandauer Vorstadt so: "Sie bietet mit ihrem Gewirr von Straßen und Gassen, mit ihren gemischten Nutzungen in Gebäuden unterschiedlichen Alters das Bild einer Altstadt, das umso wertvoller ist, da die eigentlichen Berliner Altstadtbereiche Alt-Berlin und Alt-Kölln und auch ähnliche Vorstädte, wie Königstadt und Stralauer Vorstadt, den Krieg nicht oder nur stark reduziert überstanden haben." Die Spandauer Vorstadt gilt als der größte Denkmalbereich Berlins und ist bei Berlinern und Touristen als Altstadt beliebt.

    In dem Viertel wohnten vor allem einfache und eher arme Leute. Die Gormannstraße, früher "Laufstraße", ist benannt nach dem Töpfer und Ofenfabrikanten Cornelius Gormann (1796–1861). Er war auch Kommunalpolitiker und bewohnte die Häuser Nummer 5 und 6. Die Mehrzahl der noch bestehenden Gebäude in der Gormannstraße stammt aus der Zeit um 1900. Häuser, welche vom Zweiten Weltkrieg verschont wurden, verfielen oft in der DDR-Zeit. Erst nach der Wende startete der Senat ein Förderprogramm zum Denkmalschutz, sodass viele historische Gebäude gerettet und saniert wurden.

    Während Nummer 15 und 25/26 beide um die Jahrhundertwende gebaut wurden und den typischen Mietshäusern dieser Epoche entsprechen, stammt das Eckhaus Gormannstraße/Steinstraße erst aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. 1926 wurde es von der Stadt Berlin in Auftrag gegeben, gebaut wurde es von der "Union Baugesellschaft auf Actien", einem Projekteentwickler, der auf Bauausführungen spezialisiert war. Deren Geschäfte brachen schon kurze Zeit später im Rahmen der Weltwirtschaftskrise ein, die Aktien verloren völlig an Wert.

    Das Mietshaus hat vier Etagen und besticht durch seine Fassadenverzierungen aus Ziegel: Die Linien und Ornamente verleihen dem Haus inmitten der vielen Gründerzeitgebäude eine eigene Charakteristik.

    Gormannstraße 15 und 25/26 liegen jeweils an Kreuzungen und sind Eckbebauungen. Ihre Bauzeit liegt nur wenige Jahre auseinander: Für die Ecke Linienstraße wird genau 1901 angegeben, für Nummer 25/26 "um 1900". Ihr Bautyp ist sehr ähnlich, beide haben vier Geschosse und positionieren sich durch herauskragende Erker, die die Häuserecken abschrägen. Während Gormann 15 einige Balkone und Loggien aufweist, bestechen bei der Hausnummer 25/26 sowohl in der Gormann- als auch in der Steinstraße an der Straßenfassade Verdachungen, die für einige Fenster fast wie Augenbrauen wirken.

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  • Gormannstraße 15/Linienstraße 213

    Die Texterläuterung finden Sie unter dem Bild Gormannstaße 6.

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  • Gormannstraße 25/26

    Die Texterläuterung finden Sie unter dem Bild Gormannstaße 6.

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  • Gormannstraße 10/11 / Mulackstraße 14A

    Ein Kaufmann als Hausherr.

    Die Geschichte des Hauses Ecke Gormann-/Mulackstraße ist eng mit seinen Nachbarshäusern verknüpft, die ebenfalls dem Denkmalschutz unterliegen. Sie wurden nicht nur geradezu gleichzeitig – im Jahr 1882 – errichtet, sie haben auch denselben Bauherren: den Kaufmann Johannes Werkmeister. In der ehemaligen "Laufgasse" ließ Werkmeister die Mietshäuser erbauen, deren dreigeschossige Fassaden charakteristisch für das Straßenbild sind.

    Die Hausnummer 12, deren Hofflügel übrigens höher sind als das Haupthaus, hat eine sehr stark "rustizierte" Fassade – das bedeutet in der Architektur eine durch Fugen hergestellte horizontale Gliederung. Die beiden Etagen über dem Erdgeschoss mit seiner mittigen Rundbogen-Einfahrt und zwei symmetrischen Eingängen ins Souterrain erscheinen wie durch Dekorstreifen betont, das Dach setzt diese lineare Gliederung fort. Es ist davon auszugehen, dass das Mietshaus an der Ecke Gormannstraße/Mulackstraße ebenso gestaltet war, der Fassadenschmuck ist jedoch nicht überliefert. Die Straßenseitenfassaden sind ähnlich aufgebaut, wobei die Etagen an der Ecke bis ins Dachgeschoss hochgezogen wurden, sodass die Optik eines kleines Turmes entsteht.

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  • "Haus Schwarzenberg"

    Rosenthaler Straße 39
    Haus Schwarzenberg.

    Von der Erstbebauung nach dem Abriss der Wallanlagen über ein Versteck für verfolgte Juden bis hin zur "Republik Schwarzenberg" – das Haus mit der Adresse Rosenthaler Straße 39 hat eine wechselvolle Geschichte.

    Links ein Starbucks, rechts ein hipper Sushi-Laden – dazwischen trotzt das Haus mit dem "Café Cinema" in der Rosenthaler Straße scheinbar den Veränderungen seiner Umgebung. Die Hackeschen Höfe nebenan sind ein Touristenmagnet und in den schick sanierten Altbauten der Spandauer Vorstadt arbeitet und lebt "Berlin-Mitte". Doch die Touristen strömen nun auch in Scharen in das Haus Schwarzenberg – weil es ihnen im Reiseführer als das "echte Berlin" verkauft wird: das aus den Neunzigerjahren, kurz nach der Wende, als alle Gebäude und ihre Innenhöfe der Spandauer Vorstadt so aussahen: unsaniert, grau, dafür mit viel Graffiti.

    Ein besetztes Haus? Nein, keineswegs, aber ein Kulturverein hat hier 1995 – nach einem Roman des Schriftstellers Stefan Heym – die „Republik Schwarzenberg" ausgerufen und betreibt einen "Ort der Geschichte, Kultur und Kunst", so der Verein Schwarzenberg e.V. über sich selbst auf seiner Webseite. Verschiedene Einrichtungen sind in dem Haus untergebracht: Künstlerateliers, Gewerbe, ein Programmkino, Gedenkstätten, eine Bar und Galerien. Der Verein ist Mieter der WBM Wohnungsbaugesellschaft Berlin Mitte mbH und zelebriert bis heute die ungeschminkte Seite Berlins in seinem Innenhof, der von Graffiti übersät und von so mancher Grünpflanze überwuchert wird. Teile des Baudenkmals wurden in der Zwischenzeit saniert.

    Die eigentliche Geschichte des Hauses beginnt aber viel früher – und wird seinen traurigen Höhepunkt während der Nazi-Ära erreichen. Die Grundmauern gehen bereits auf das Jahr 1769 zurück, als kurz nach der Entfernung der Wallanlagen das Viertel rund um die Rosenthaler Straße bebaut wurde. Im Jahr 1830 kam ein Seitenflügel dazu, eine Messerschmiede. Der Vorgängerbau wurde 1864 ersetzt, die Schmiede auf drei bis vier Geschosse aufgestockt. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde das Grundstück nachverdichtet, im hinteren Garten entstanden ebenfalls fünfgeschossige Gewerbebauten. 

    Weidts Liste: Während des Zweiten Weltkriegs betrieb ein gewisser Otto Weidt im 1. Obergeschoss des vorderen Seitenflügels eine Bürstenbinderwerkstatt. Seine Geschichte erinnert unweigerlich an den berühmten Film "Schindlers Liste", denn der überzeugte Pazifist versuchte während der Nazi-Diktatur Juden das Leben zu retten. In seiner Werkstatt waren rund 30 zumeist behinderte jüdische Mitarbeiter beschäftigt. Als Lieferant für die Wehrmacht schaffte es Weidt, die blinden oder taubstummen Juden als „kriegsrelevante Personen“ einstufen zu lassen und so vor der Deportation zu bewahren. Indem er ihnen neue Ausweise und Identitäten verschaffte, konnte er einigen von ihnen das Leben retten. Andere Mitarbeiter seiner Bürstenbinderwerkstätte versteckte er in den Räumlichkeiten des Hauses und versorgte sie mit Lebensmitteln: Die vierköpfige jüdische Familie des blinden Chaim Horn konnte er dennoch am Ende nicht retten – sie wurde von einem jüdischen Spitzel an die Gestapo verraten und schließlich in Ausschwitz und Theresienstadt ermordet. „Die Blindenwerkstatt von Otto Weidt ist ein wichtiger und anschaulicher Ort für den tätigen Humanismus, der Verweigerung und den Widerstand in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur“, sagt das Denkmalamt über die Rosenthaler Straße 39. In der Durchfahrt erinnert eine Gedenktafel an die Ereignisse während des Zweiten Weltkriegs, und in den Räumlichkeiten von Weidts Bürstenwerkstatt im 1. Obergeschoss ist ein Museum eingerichtet.

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  • Hugenottenviertel

    Friedrichstraße 129 A–E, H (Wohnanlage) Friedrichstraße 129 F (Französisches Hospital)
    Hugenotten in Berlin.

    Könnte der Pelikan sprechen, er würde wohl einen französisch-berlinerischen Kauderwelsch von sich geben. Die 4,50-Meter-hohe Bronzestatue des Bildhauers Michael Klein aus dem Jahr 1994 ist so etwas wie ein Wahrzeichen des so genannten Hugenottenviertels geworden. Sie steht vor dem Eingang der Wohnsiedlung Friedrichstraße 129 A–F/Claire-Waldorff-Straße.

    Der "Muckefuck" ist das bekannteste Beispiel für französische Einflüsse auf das Berlinerische: Das Wort wurde von "mocca faux" abgeleitet, was so viel wie falscher Kaffee bedeutet. Auch die "Boutique" oder der "Polier" wurden entlehnt. Und wenn etwas "alle" ist, dann hieß das früher mal "allé", von französisch: gegangen.

    Die französische Sprache wurde von den Hugenotten nach Berlin gebracht – sie waren sozusagen die ersten Gastarbeiter. Oder eher Asylbewerber. Das Wort Hugenotte war wahrscheinlich einmal abwertend, später bezeichnete die Minderheit sich aber selber so. In Frankreich wegen ihres protestantischen Glaubens verfolgt, flohen sie in Scharen in die deutschen Gefilde. Der große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg-Preußen nahm die Flüchtlinge per Edikt von Potsdam 1685 auf – aus Nächstenliebe, offiziell. Der Hintergedanke war, dass er wirtschaftlich leistungsfähige Arbeiter und Handwerker brauchte, die das vom Dreißigjährigen Krieg schwer angeschlagene Land wieder aufbauten.

    Die Flüchtlinge kamen – und blieben. Von den rund 20.000 Verfolgten siedelten sich ein Großteil in Berlin-Dorotheenstadt und -Friedrichstadt an, wo bereits eine französische Kirchengemeinde gegründet worden war. Die Kurfürstin schenkte der Gemeinde ein Grundstück in der heutigen Friedrichstraße für den Bau eines Krankenhauses. Bis heute befindet sich unter der Adresse "Friedrichstraße 129 F" der später nach Plänen von G. A. Gaillard errichtete, spätklassizistische Neubau des Hospitals aus dem Jahren 1877/78, von dem allerdings nur ein Gebäudeteil den Zweiten Weltkrieg überstand. Auch ein Waisenhaus, eine Schule und ein Damenpensionat befanden sich auf dem Grundstück.

    Die Kriege verändern alles

    Da sämtliche soziale Einrichtungen nach dem Ersten Weltkrieg in die finanzielle Schieflage gerieten, verpachtete die französische Kirchengemeinde einen Teil ihres Grundstücks an die Baugesellschaft Emil Heinicke AG, die dort Wohnhäuser errichtete: 1925 ließ der Baumeister Paul Zimmerreimer (1875–1943) einige alte Gebäude abtragen, um Platz für die heute noch zum Teil erhaltene Wohnsiedlung zu schaffen. Die dreigeschossige Anlage passte sich den erhaltenen Nachbarsgebäuden an und fügte sich in eine besonders große Gartenanlage ein. Die Wohnanlage – mitten in der Großstadt – vermittelt eher den Charakter einer Vorstadtsiedlung. Besonderes Charakteristikum sind die geschwungenen Fassaden sowie die ausdrucksvoll gestalteten Hauseingänge. Das Gesamterscheinungsbild entspricht der Neuen Sachlichkeit, wie sie in der Zwischenkriegszeit "en vogue" war. Nach dem Zweiten Weltkrieg glich das Hugenottenviertel einem Trümmerfeld. Fünf Aufgänge der Wohnhäuser waren total zerstört, die übrigen schwer beschädigt. 1957 bis 61 werden die beschädigten Wohnhäuser wieder aufgebaut. Die Dresdner Bank, die zwischenzeitlich als Pächter eingetreten war, wird in der DDR-Zeit enteignet, die "Kommunale Wohnungsverwaltung Berlin-Mitte" (KWV) übernimmt die Verwaltung. Schließlich verkauft die Französische Gemeinde 1987 das Grundstück an die DDR. Nach der Wende geht das Hugenottenviertel an das Land Berlin beziehungsweise an die WBM Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte mbH über. 2013 wird die Wohnanlage saniert. Mit architektonisch sich einordnenden Dachgeschoss-Ausbauten und gelben Fassaden erstrahlen die Wohnhäuser nun in neuem Glanz. Die Wohnsiedlung steht unter Denkmalschutz. 1990 wird im ehemaligen Hospitalsgebäude (Friedrichstraße 129 F) eine Kita eingerichtet, die ab 2004 den Namen "Kita Pelikan" trägt. Der Vogel gilt als Symbol für die aufopfernde Aufzucht seines Nachwuchses sowie für die besondere Pflege Schwächerer – die Bronzeskulptur von Michael Klein erinnert an die sozialen Einrichtungen der Hugenotten.

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  • Joachimstraße 6

    Biedermeier-Treppe.

    Die eher unscheinbare Fassade verrät auf dem ersten Blick nichts von dem eigentlichen Baualter des viergeschossigen Mietshauses in der Joachimstraße 6. Lediglich die Gliederung und Betonung durch schwach hervorspringende seitliche Architekturelemente lassen ein frühes Entstehungsdatum um 1840 erahnen. Trotzdem ist das Gebäude, wie einige weitere in der Nachbarschaft, ein eingetragenes Baudenkmal. Es wurde 1838 im Auftrag des Lebensmittelhändlers Bandekow errichtet und ist eines der wenigen architektonischen Zeugnisse dieser frühen Besiedlungsphase der Straße. Vor allem der historisch überlieferte Gebäudegrundriss und die hölzerne Treppenanlage aus der Biedermeierzeit machen die Joachimstraße 6 auch für die an historischer Bausubstanz reiche Spandauer Vorstadt so besonders. Neben der in ihrer Machart für die Zeit außergewöhnlichen Holzstiege haben sich im Treppenhaus überdies die originalen Fenster und Wohnungstüren erhalten. 

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  • Joachimstraße 11A

    Von Obstgärten zu Wohnhäusern mit Stallungen.

    Gärten und Obstplantagen säumten einst den nördlichen Abschnitt der Joachimstraße zwischen August- und Linienstraße. Erst um 1830 begann in diesem Teil der Spandauer Vorstadt eine rege Bautätigkeit. Das Haus Joachimstraße 11A stammt aus dieser Frühzeit. Zwischen 1995 und 1997 wurde es aufwendig saniert. Zusammen mit einigen der benachbarten Gebäude, wie beispielsweise der Nummer 6, bildet es ein selbst für die Spandauer Vorstadt mit ihren zahlreichen historischen Bauten einzigartiges Ensemble von Baudenkmalen. 

    Seine eigentliche Entstehungszeit verbirgt das dreigeschossige Gebäude heute hinter einer mit Neorenaissance-Elementen geschmückten Stuckfassade. Sie datiert aus den Jahren um 1890, als der Fuhrherr Albert Ferdinand Kraatz das Gebäude um einen Wohnflügel sowie zwei Stall- und Remisengebäude erweitern ließ. Die ursprünglich klassizistische Fassadengestaltung ist allerdings noch auf der Hofseite überliefert. Ebenfalls aus dem Baujahr 1838 hat sich im Inneren des Vorderhauses die dreiläufige Holztreppe erhalten. Sie zeichnet sich durch eine feine Bearbeitung der Wangen und Geländerstäbe aus und gehört damit zu den wenigen überlieferten Beispielen klassizistischer Treppenarchitektur in Berlin.

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  • Karl-Marx-Allee

    (2. Bauabschnitt Stalinallee) Karl-Marx-Allee 19–25, Karl-Marx-Allee 37–43, Karl-Marx-Allee 38–44, 48–52, Karl-Marx-Allee 4–10, 14–20, 24–30, Karl-Marx-Allee 47–51
    Platten mit Platten.

    Entstalinisierung der Architektur, Einsatz industrieller Bauweise – das sind die Schlagworte, die den zweiten Bauabschnitt der bis 1961 Stalinallee heißenden Karl-Marx-Allee im Abschnitt zwischen Alexanderplatz und Straußberger Platz prägen. Fälschlicherweise werden die Quertafelplatten meist dem "Chefarchitekten der DDR" Hermann Henselmann zugeschrieben, es war aber das Kollektiv Josef Kaiser, das die Wohnbauten für rund 15.000 Menschen plante. Die Grundsteinlegung fand am 6. Oktober 1959 statt, bis Mitte der 1960er-Jahre wurden die "Scheiben" der Serie QP mit ihren quadratischen Keramikfliesen an den Fassaden errichtet: Platten mit Platten sozusagen.

    Die Querplatten sind eine logische Konsequenz eines zu dieser Zeit eintretenden architektonischen (und politischen) Stilwechsels. Im Friedrichshainer ersten Bauabschnitt der Karl-Marx-Allee wurden noch Arbeiterpaläste im "Zuckerbäckerstil" mit zum Teil klassizistischen Elementen gebaut – dies entsprach dem herrschenden sozialistischen Ideal der Stalinzeit.

    Nun kam die industrielle Moderne voll zum Einsatz. Um einen Zusammenhang zwischen den Bauten in der wichtigsten Prachtstraße der DDR herzustellen, wurde der weiträumige, aber geschlossene Straßenraum fortgeführt. Auch die Fliesenverkleidung der neuen Platten ist ein Statement an die Henselmann-Häuser beim Frankfurter Tor. Doch die Bauauffassung hatte sich geändert: Die Acht- und Zehngeschosser sind das Produkt einer standardisierten Industriebauweise, die dazu entwickelt wurde, in Massenproduktion Wohnraum zu schaffen. Dies entstand einerseits aus dem Zwang zur Arbeitsproduktivität und Wirtschaftlichkeit, anderseits dem Willen der DDR-Führung in Richtung der internationalen Architektur-Moderne aufzuschließen. Mehr noch, man wollte eine Vorreiterrolle einnehmen und dem Westen und der ganzen Welt die Fortschrittlichkeit der sozialistischen Gesellschaft demonstrieren.

    Plattenbau-Typ QP 

     

     

     

    QP, die Typenbezeichnung der Hochbauten an der Karl-Marx-Allee, leitet sich aus den Begriffen Quertafelbauweise und Plattenbau ab, die Zahl dahinter markiert das Entwicklungsjahr der jeweiligen Bauart. Vor allem unterscheiden sich die Jahrgänge durch die Geschosszahl: So wurden beim QP 59 noch fünf, beim QP 61 bereits acht und drei Jahre später meist zehn Etagen gebaut. Die tragenden Querwände, die auch Schotten genannt werden, haben einen Abstand von 3,60 Metern und geben so die Raumbreite vor. Daraus resultieren typische Grundrisse für Ein, Zwei- oder Dreiraumwohnungen, die sich in jedem QP-Typ zigfach wiederholen. Küche und Bad fallen bei vielen Wohnungen sehr schmal aus, weil sie sich eine Achse teilen. Nicht alle Wohnungen haben Balkone, da die vorspringenden Elemente verschiedentlich eingebaut wurden, um eine Fassadengliederung zu erzielen. Apropos Fassade: Hier fallen beim QP vor allem die quadratischen, kleinen Keramikfliesen auf, die diese Architektur besonders kennzeichnet und nach der Wende oftmals denkmalgerecht saniert wurde. Eine Besonderheit dieser Zeit ist auch die strikte Trennung zwischen Wohnen und Gewerbe – so entstand an der Einmündung Schilling- und Berolina-Straße ein Zentrum mit Kino, Läden und Restaurants. Das Kino International, die Mokka-Milch-Eisbar und Café Moskau waren die bekanntesten Gebäude dieses Ensembles. Diese Flachbauten an den Straßenseiten stellen architektonische Gegenpole zu den hohen Querplatten dar.

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  • Krausnickstraße 9

    Projektentwicklung in Zeiten der Stadterweiterung.

    Ihr Markenzeichen ist der Knick. Die Krausnickstraße im Herzen der Spandauer Vorstadt, des einzigen nahezu intakten historischen Quartiers im Zentrum Berlins, verbindet in einem eleganten Bogen die Oranienburger Straße mit der Großen Hamburger Straße.

    Entstanden ist sie Anfang der 1860er-Jahre auf Initiative Carl Wilhelm Friedrich Kelchs, eines wohlhabenden Torfgräbereibesitzers aus dem nahegelegenen Fehrbellin. Er ließ das ehemalige Gartengelände parzellieren und veräußerte die Grundstücke beidseitig der Straße an vermögende Interessenten – Projektentwicklung in Zeiten von Zuwanderung und Stadterweiterung.

    Bebaut wurde das gesamte Terrain im Wesentlichen zwischen 1861/62 und 1870 mit viergeschossigen Mietshäusern, wie auch die Krausnickstraße 9 eines ist. Bauherr war hier der Maurerpolier Joseph Tschorn. Klassizistische Schmuckelemente fehlen bei diesem Gebäude allerdings fast vollständig. Zwei farbig abgesetzte Gesimse und ein schmales Attikageschoss gliedern die streng symmetrisch angelegte Fassade horizontal und lassen das Baualter erahnen: Das Haus wurde 1861 errichtet. Typisch für die Entstehungszeit ist ebenfalls der zur Straße hin gelegene Kellerzugang.

    Wie der Journalist Thomas Leinkauf schreibt, war die Krausnickstraße mit ihren "herrschaftlichen Wohnungen" einst eine beliebte Adresse „für gehobene Bedienstete des nahen Hofes und gutverdienende Bürger“. Benannt wurde sie übrigens interessanterweise nach dem ehemaligen Berliner Oberbürgermeister Heinrich Wilhelm Krausnick, und nicht wie es eigentlich der Wunsch der ersten Anwohner und Besitzer gewesen wäre, nach Humboldt oder Schinkel – Nomen est Omen!

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  • Monbijoustraße 4, 4A, 4B

    Nah am Schloss.

    Herr Drescher, einer der Königlichen Gartenobergehilfen, wohnte hier einst Tür an Tür mit dem Hofküchenmeister Gleich, dem Schlosswächter Vorwerk sowie dem Kammerlakaien Turke und weiteren Schlossangestellten, wie im Berliner Adressbuch von 1913 nachzulesen ist. Die Wohnungen in der Monbijoustraße 4, 4A und 4B waren den Bediensteten des Hofes vorbehalten. Bis zu ihrem Arbeitsplatz hatten sie es von hier aus auch nicht weit. Über die 1904 neu gebaute Monbijoubrücke führte ihr Weg am heutigen Bode-Museum vorbei und den Spreearm entlang in kaum zehn Minuten zum Berliner Stadtschloss.

    Der Grundstein für das Königliche Hofbeamtenhaus war 1911 an der Grenze zum Park des Schlosses Monbijou, dem damaligen Hohenzollernmuseum, gelegt worden. Ein Jahr später war das eindrucksvolle Backsteingebäude mit Kutschenremise bereits fertiggestellt und die ersten Bewohner konnten einziehen. Eigentümer des Anwesens war, nach Angaben des Berliner Adressbuches, das Ober-Hofmarschallamt seiner Majestät des Kaisers. Die Krone im Wappenfeld über der breiten Durchfahrt ist ein eindeutiger Hinweis auf den prominenten Bauherren. 

    Mit den geschwungenen Giebelaufbauten in rotem Backstein erinnert die Architektur an die Häuser des Holländischen Viertels in Potsdam. Diese waren im 18. Jahrhundert unter Friedrich Wilhelm I. entstanden, als der König niederländische Baumeister und Handwerker ins Land holte und Preußen einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte. 200 Jahre später sind die architektonischen Anleihen beim holländischen Barock als eine Reminiszenz an diese glorreichen Jahrzehnte in Preußens Geschichte zu verstehen. 

    Anderes als die übrigen Bauten im Schlosspark Monbijou blieben die ehemaligen königlichen Dienstwohnungen im Krieg unversehrt. 2001/2002 wurden sie denkmalgerecht saniert. Dabei wurde unter anderem das steile Mansarddach instand gesetzt und der umfangreiche Bauschmuck aus Sandstein gereinigt und ergänzt. So gleicht das Hofbeamtenhaus heute in seinem Aussehen wieder seinem ursprünglichen Zustand.

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  • Mulackstraße

    Mulackstraße 25 (Text für Mulackstraße 27, Mulackstraße 41)
    Vor dem Abriss bewahrt.

    Gestern noch dem Verfall anheimgegeben und zum Abriss vorgesehen, heute hip und trendy – die Geschichte der Mulackstraße könnte nicht widersprüchlicher sein. Die schmale Gasse in Berlins Mitte ist heute eine Top-Adresse für alle Modeinteressierten. Denn in der beschaulichen Straße "finden sich jene Designer, mit denen die Stadt sich gern schmückt – versammelt auf kleinstem Raum", wie die Journalistin Carmen Böker bemerkt.

    Im 19. Jahrhundert hingegen galt die Gegend rund um die Mulackstraße, das so genannte Scheunenviertel, als Armenbezirk. Die Industrialisierung hatte für einen starken Zuzug Arbeitssuchender gesorgt, und gegen Ende des Jahrhunderts siedelten sich zudem viele Juden aus Osteuropa hier an, die vor den Pogromen in ihren Heimatländern geflohen waren. Die Wohnsituation im Scheunenviertel war desolat und geprägt von einer drangvollen Enge.

    Was von der Altbausubstanz die Bomben des Zweiten Weltkriegs glücklicherweise überdauert hatte, verfiel zu DDR-Zeiten dann allerdings zusehends. Maßnahmen zur Erhaltung der historischen Gebäude wurden nur vereinzelt ergriffen. "Für einen großen Teil der Mietshausbebauung war langfristig der Abbruch und die Errichtung von Plattenbauten geplant", wie es im Kunst- und Denkmalführer des Berliner Landesdenkmalamtes heißt. Gegen diesen ignoranten Umgang mit der geschichtsträchtigen Architektur regte sich jedoch lautstarker Bürgerprotest, und auch die Bewohner der Mulackstraße wehrten sich mit Erfolg. Inzwischen sind die Häuser aufwendig saniert und seit der Wende als Flächendenkmal "Spandauer Vorstadt" unter Schutz gestellt. 

    Dicht bebaut: Kennzeichnend für die Mulackstraße ist ihre dichte Bebauung auf schmalen Parzellen. Die alten Mietshäuser stammen überwiegend aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die niedrigen Vorgängerbauten abgerissen und durch drei- bis viergeschossige Gebäude ersetzt wurden. Auch die Mulackstraße 25 und 27 datieren aus dieser Zeit. Erstere wurde vor 1864 von den Gebrüdern Sommerfeld errichtet, letztere 1853 von dem Restaurateur Friedrich Carl Haugke. Die Ähnlichkeit der beiden eher schlichten Häuserfassaden ist auffallend, ihre spätklassizistische Gestaltung typisch für die Epoche. So sind die Erdgeschosszonen rustiziert und mit Gurtgesimsen von den darüber liegenden Stockwerken abgesetzt. Die rundbogigen Hauseingänge sind aus der Achsensymmetrie verschoben. Sie werden von straßenseitigen Kellerzugängen flankiert. Ebenfalls charakteristisch für die Zeit sind die dekorativen Fensterbekrönungen. Ganz anders hingegen präsentiert sich das reich verzierte Eckhaus Mulackstraße 41. Es wurde um 1900 an der Kreuzung von Mulack- und Alte Schönhauser Straße fertiggestellt. Flächige Farbakzente gliedern hier die beiden Schauseiten des Gebäudes. Die geschwungenen Formen lassen an eine Jugendstil-Ornamentik denken und offenbaren einen neuen Zeitgeschmack, der um die Jahrhundertwende auch in Berlin Verbreitung fand.

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  • Mulackstraße 27

    Die Texterläuterung finden Sie unter dem Bild Mulakstraße 25.

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  • Mulakstraße 41

    Die Texterläuterung finden Sie unter dem Bild Mulakstraße 25.

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  • Neue Schönhauser Straße 11

    Typisch und einzigartig zugleich.

    Das Mietshaus Neue Schönhauser 12 gehört zu den vorherrschenden Gründerzeit-Altbauten der Spandauer Vorstadt, es wurde 1888 erbaut. Fünfgeschossig und mit einer reich ornamentierten Fassade fügt es sich einerseits in die typische Bebauung dieses Viertels ein, sticht aber andererseits aus den direkt umliegenden Baudenkmälern, die zum Teil über hundert Jahre älter und deutlich kleiner sind, heraus. Sechs Fensterachsen in der Mitte werden von pilaster-geschmückten Erkern eingefasst, die in der vierten Etage als Balkone auslaufen. Jede Fensterreihe wird durch eigene Verzierungen und unterschiedliche Putze besonders betont, die Gesimse verstärken die horizontale Gliederung.

    Das "Apothekenhaus" rechts von dem Mietshaus Nummer 11 stammt zwar aus der gleichen Epoche, hat aber durch eine veränderte Fassade in den 1920er-Jahren ein gänzlich anderes Erscheinungsbild. Zusammen bilden sie und viele andere bemerkenswerte Gebäude in der Nachbarschaft ein "Denkmalensemble". 

    Die Hausnummern 8, 12 und 14 der Neuen Schönhauser gehören sogar zu den ältesten Gebäuden der Straße, deren Ursprünge gleich nach dem Abriss der Wallanlagen errichtet wurden – spätere Umbauten und Erweiterungen folgten. Die Straße wurde in ihrem Verlauf dem zugeschütteten nördlichen Festungsgraben angepasst, was ihren eigentümlichen Knick erklärt. Im Haus Nummer 17 befindet sich ein Durchgang zur Dircksenstraße. Wer hier langläuft, nimmt den Weg durch den ehemaligen Festungsgraben um die Bastion XI, der "Dragoner-Bastion".

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  • Neue Schönhauser Straße 12

    Vom Wall zum Mietshaus.

    Wer rund um den Hackeschen Markt Schuhe oder andere nette Dinge shoppt, sollte den Kopf auch mal nach oben drehen und die schönen Häuser angucken, in denen die Boutiquen untergebraucht sind. So manches gehört zu den ältesten Berlins – zum Beispiel die Nummer 8: "Das "Haus mit den sechs Mädchenköpfen" stammt aus dem Jahr 1763.

    Einige Teile der Hausnummer 12 sind ebenso alt, wie dendrochronologische Untersuchungen von Kellerbalken und Fachwerkständern bewiesen haben. "Die vierflügelige Hofanlange wurde unmittelbar nach Abtragung der Wallanlagen um 1755 als Erstbebauung errichtet", heißt es in der Datenbank des Landesdenkmalamtes.

    Allerdings wurde das Mietshaus im Jahr 1857 durch den Brauereibesitzer Johann Ley umgebaut: Es erhielt eine klassizistisch anmutende Straßenfassade mit fein geschnittener Putzquaderung, Gesimse mit kleinen Ornamenten und gerade Fensterverdachungen. Auch eine für die damalige Zeit sehr moderne Eisentreppe ließ er einbauen, die bis heute erhalten ist. Das dreigeschossige Vorderhaus verbirgt rückwertig Hofflügel unterschiedlicher Konstruktionen und Bauhöhen, die einen interessanten Innenhof umgeben. Dieser "belegt eindrucksvoll die historische Raumsituation eines Berliner Hofes des 18. Jahrhunderts", so das Landesdenkmalamt.

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  • Neue Schönhauser Straße 14

    Längstens versichert.

    Die Neue Schönhauser Straße in Mitte mündet mit einem auffallenden Knick in die Rosenthaler Straße ein – der Straßenverlauf ist ein Zeugnis der alten Wallanlagen, die bis Mitte des 18. Jahrhunderts dort verliefen. Unmittelbar danach wurden hier in der Spandauer Vorstadt die ersten Wohnhäuser errichtet. Das Haus Neue Schönhauser 14 ist eines dieser Erstbebauungen. Das Vorderhaus wurde bereits 1767 bei der Feuersozietät versichert – übrigens für 4600 Reichstaler. Im Kern ist dieser älteste Teil erhalten: Das Mietshaus in seinem bis heute erhaltenen Erscheinungsbild ist ein aufgestockter Umbau aus dem Jahr 1869. Die Fassade wurde auch nach dem Umbau relativ schlicht gehalten, obwohl eindeutig klassizistische Elemente vorhanden sind: Fensterverdachungen sowie Friese zieren das Haus, und die Fenster über dem Eingang erhielten quasi einen Rahmen aus Pilastern und einem Dreiecksgiebel. Diese Mittelachse betont die Symmetrie des Hauses, die ihren Ursprung wohl bereits in den rund hundert Jahre älteren Grundmauern hatte. 

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  • Nikolaiviertel

    Poststraße 11 (Text für Poststraße 12, Poststraße 30 [Unter Ensembleschutz stehen Poststraße 12 & 30, nicht hingegen Poststraße 11.])
    Nikolaiviertel.

    Mehr Schein als Sein! Und dennoch ist die Berliner Altstadt, das heutige Nikolaiviertel (1981–87), eine Touristenattraktion – oder, um den Journalisten Karl-Heinz Krüger zu zitieren, eine Art äußerst populäres "Freilichtmuseum".

    Im Zweiten Weltkrieg durch Bomben fast vollständig ausradiert, wurde das Nikolaiviertel und mit ihm die Poststraße auf Betreiben der Staats- und Parteiführung der DDR in den 1980er-Jahren wiedererrichtet. Im Zentrum Ostberlins, umgeben von Fernsehturm, Palast der Republik, Staatsratsgebäude und zahlreichen Hochhäusern, sollte ein Stadtviertel im historischen Gewand entstehen. Es waren groß angelegte „Sonderbaumaßnahmen“ wie diese, mit denen der SED-Staat im Hinblick auf den 

    750. Stadtgeburtstag 1987 Berlins Ursprung architektonisch wie städtebaulich wieder auferstehen lassen wollte. Sinnstiftung mittels Geschichtsverortung, so ließe sich resümieren.

    Den 1979 dazu ausgelobten Wettbewerb entschieden der Architekt Günter Stahn und sein Kollektiv um Werner Paetzold und Rainer Bauer für sich. Stahn wurde mit der Projektleitung betraut. Seine Konzeption lehnte sich am überlieferten Grundriss des alten Ortskerns an und sah eine Mischung aus Altbaubestand und neu zu entwerfender Wohnbebauung in Plattenbauweise mit historisierenden Architekturelementen vor. „Uns ging es nicht um die Rekonstruktion der Berliner Altstadt, sondern um die Rekonstruktion eines städtischen Raums, der das alte Berlin erlebbar macht“, erläuterte Stahn einmal rückblickend in einem Interview. Zweifellos ein schwieriges und nicht ganz unproblematisches Unterfangen, denn von der ursprünglichen Bebauung hatten nur die Nikolaikirche und wenige Häuser den Krieg und spätere Aufräumarbeiten überdauert. Sie sollten erhalten bleiben und gemeinsam mit einigen aus anderen Stadtteilen hierhin umgesetzten, ebenfalls historischen Gebäuden in das neu entstehende Architekturgefüge integriert werden.

    Wirklich historisch

    Zwei dieser zum ursprünglichen Inventar gehörenden Bauwerke sind die Poststraße 12 und 30. Beide stehen sie als Teil des Gesamtensembles "Nikolaiviertel" unter Denkmalschutz. Ersteres wurde 1893/94 im Auftrag des Kaufmanns Gasse errichtet. Das viergeschossige Mietsgebäude zeigt eine für die Zeit typische repräsentative Fassade mit historistischen Stilelementen. Die Poststraße 30, das so genannte Schmale Haus, ist jüngeren Datums. Es wurde um 1906 nach den Plänen der Berliner Architekten Gustav Hart und Alfred Lesser gebaut, die um die Jahrhundertwende in der nahegelegenen Mohrenstraße gemeinsam ein gut gehendes Büro betrieben. Sie waren vor allem auf Wohn- und Geschäftshäuser spezialisiert und ihre Entwürfe zeichneten sich durch eine ideenreiche Fassadengestaltung aus, wie sie auch am Schmalen Haus zu finden ist. Das Erdgeschoss sticht hier durch die Verwendung grob behauener Steinquader hervor. Darüber erheben sich drei Geschosse, deren Mittelachse durch die sich vorwölbenden Nischen und Balkone akzentuiert ist. Trotz dieser strengen, vertikalen Gliederung des dreiteiligen Gebäudes fällt die leichte Asymmetrie auf, mit der sich die beiden seitlichen Kompartimente voneinander unterscheiden. Stahn hat das Schmale Haus bei der Rekonstruktion des Nikolaiviertels in den 1980er-Jahren in einen Neubau einpassen lassen. Ein Relieffries des Bildhauers Gerhard Thieme ziert den vorgelagerten Laubengang dieses jüngeren Gebäudes an der Ecke Post-/Rathausstraße. Wie eine Bildergeschichte zieht er sich an mehreren Häuserfassaden beiderseits des Schmalen Hauses entlang. Er zeigt Szenen aus der Geschichte des Sozialismus von der Gründung der KPD 1919 bis zur 750. Jahresfeier Berlins 1987. Inhaltlich nimmt Thieme damit Bezug auf den Terrakottafries am Roten Rathaus, der "Steinernen Chronik", die die frühe Historie Berlins und Brandenburgs bis zur Reichsgründung 1871 illustriert. Ebenfalls ein Neubau nach Stahns Entwurf ist die Poststraße 11. Der Architekt verwendete hier wie auch für seine anderen Neuschöpfungen im Nikolaiviertel ein System aus vorgefertigten Stahlbetonplatten. Um trotz dieser standardisierten Bauweise ein Höchstmaß an künstlerischer Freiheit zu erzielen, entwickelte er verschiedene Bautypen. Die Poststraße 11 mit ihrem repräsentativen Arkadengang im Erdgeschoss und einem Walmdach als Bekrönung ist einer davon. Stahn griff dabei offenbar bewusst, vor allem was die weit gespannten Laubengänge betrifft, eine architektonische Gestaltungskomponente auf, die in Berlin bereits im 18. Jahrhundert Tradition hatte. Insofern sind es gerade diese neu entworfenen Häuser, die mehr noch als "die Restaurierungen und Rekonstruktionen" den "wohl bedeutendsten Beitrag des Nikolaiviertels zur Architekturgeschichte der DDR" darstellen, wie der Architekturkritiker Nikolaus Bernau zu Recht bemerkt.

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  • Poststraße 12

    Die Texterläuterung finden Sie unter dem Bild Poststraße 11.

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  • Poststraße 30

    Die Texterläuterung finden Sie unter dem Bild Poststraße 11.

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  • Oranienburger Straße 7

    Es war einmal ein Krankenhaus.

    Kaum etwas lässt die bewegte Vergangenheit des vierstöckigen Mietshauses in der Oranienburger Straße 7 erahnen. Mit seiner sorgsam restaurierten spätklassizistischen Fassade aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fällt das Gebäude in der an alter Bausubstanz so reichen Spandauer Vorstadt auf den ersten Blick auch nicht weiter auf. Dass es allerdings in seinem Kern wesentlich älter ist als viele der anderen Häuser des Viertels, legte erst die im Rahmen der Sanierungsarbeiten 2000/2001 durchgeführte Bauforschung offen. Demnach war das Haus einst Teil eines jüdischen Krankenhauses, das um 1755 auf den Grundstücken Oranienburger Straße 7 bis 9 für rund 400 Kranke errichtet worden war. Es war damals die einzige jüdische Einrichtung dieser Art und Größenordnung in Deutschland, und es ist die einzige in Berlin, die das Terrorregime der Nationalsozialisten überdauert hat und bis heute existiert, wenn auch an einem anderen Standort.

    In seinem 1806 erschienen "Lexicon von Berlin" beschreibt Johann Christian Gädicke das Hospital in der Oranienburger Straße sehr anschaulich: "Es enthält 12 Stuben; 5 für weibliche und 7 für männliche Kranke; ferner einen großen Reconvalescenten-Saal, eine Vorrathsstube, ein Betzimmer und eine Wohnung für den Lazarethvater." Zwei Ärzte versorgten die Kranken medizinisch. Insbesondere unter Marcus Herz, einem berühmten Arzt und Philosophen, der hier im ausgehenden 18. Jahrhundert wirkte, erwarb sich das Krankenhaus einen hervorragenden Ruf, weit über Berlins Grenzen hinaus. Und so hebt Gädicke denn auch lobend hervor: "Die Pflege der Kranken ist ungemein gut. Die Genesenden sowohl als die Kranken, denen es der Arzt erlaubt, bekommen täglich Brühen, Gemüse, Kalb- und Hühnerfleisch, Wein, Caffee u.s.w. Auch in Ansehung der Reinlichkeit hat dieses Lazareth vor sehr vielen der gewöhnlichen Krankenhäuser große Vorzüge." 

    Erhebliche Platzprobleme zwangen die jüdische Gemeinde allerdings Mitte des 19. Jahrhunderts, sich nach einem neuen Standort umzusehen. 1861 konnte der Neubau in der nahegelegenen Auguststraße eröffnet werden. Ein Jahr später gelang es auch, das alte Hospitalgebäude in der Oranienburger Straße an Christian Wilhelm Griebenow zu veräußern, einem Gutsbesitzer aus der Nähe von Greifswald. Er ließ das große Grundstück parzellieren, um es besser weiterverkaufen zu können. So erwarb 1865 der Rentier Carl Friedrich Ludwig Reccius den Gebäudekomplex in der Oranienburger Straße 7 und 8. Ganz dem Geschmack der Zeit entsprechend, ließ er die Häuserfassade spätklassizistisch überarbeiten. 1882 wurde das Anwesen erneut aufgeteilt. Weitere Um- und Anbauten folgten in späteren Jahren, sodass in der Oranienburger Straße 7 heute fast nichts mehr an die anfängliche Nutzung des Gebäudes als Krankenhaus und wichtige Institution des jüdischen Lebens erinnert.

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  • Oranienburger Straße

    Oranienburger Straße 16 (Text auch für Oranienburger Straße 86).
    Wandel einer Straße.

    In keinem Berlin-Reiseführer darf die bei Touristen so beliebte Oranienburger Straße fehlen. Sie ist eine der Hauptschlagadern der pittoresken Spandauer Vorstadt, jenem am besten erhaltenen Alt-Berliner Innenstadtviertel, in dem einst das jüdische Leben pulsierte. Sie ist aber auch Vergnügungs- und Flaniermeile, gesäumt von zahlreichen Restaurants, Bars und Cafés, und des Nachts ein Straßenstrich. Nirgendwo sonst ist vielleicht der radikale Wandel besser spürbar, den der ursprünglich im Ostteil der Stadt gelegene Bezirk seit der Wiedervereinigung erlebt hat, als in der Oranienburger Straße. Bis zur Wende lange Zeit eher vernachlässigt, ist ihre Altbaubebauung inzwischen fachgerecht saniert und steht unter Denkmalschutz.

    Eines der ersten Häuser, das 1991 in der Spandauer Vorstadt instand gesetzt und modernisiert wurde, war das Gebäude in der Oranienburger Straße 86. Gebaut vermutlich vor 1818, zeugen noch einige Architekturdetails wie Fenster, Treppen, Türen, Fußböden und die Form des Grundrisses von der frühen Bauzeit des viergeschossigen Mietshauses. Die Gestaltung der Fassade ist hingegen eine Schöpfung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Bei der Sanierung vor einigen Jahren fanden sich unter dem Putz allerdings noch Ornamentreste aus der Entstehungszeit des Hauses. Sie wurden jedoch aus denkmalpflegerischen Erwägungen nicht freigelegt.

    Ganz anders das Wohnhaus in der Oranienburger Straße 16, dessen prachtvolles Äußeres sich nur in Ansätzen überliefert hat: Alte Fotografien aus der Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zeigen es noch mit einer Gebäudefront im originalen Stuckdekor. Um 1960 wurde der historische Zierrat im Zuge von Modernisierungsarbeiten abgenommen, sodass sich das Haus heute wesentlich schlichter präsentiert. Entstanden ist es um 1880, als sich die Gebrüder Georg und Carl Sievers, ihres Zeichens Kaufmann und Königlicher Hofmaler, auf der bereits bebauten Parzelle ein Wohnhaus mit Seitenflügeln errichten ließen. Einige Jahre zuvor hatten sie das Anwesen zusammen mit dem Nachbargrundstück erworben. Nun bauten sie es aus und bezogen einen großzügigen Garten mit Gartenhaus in ihre Planungen mit ein. Repräsentative Wohnungen, Büro- und Geschäftsräume mit Blick auf den gegenüberliegenden Schlosspark Monbijou entstanden und wurden an solvente Interessenten vergeben. Einer der ersten Mieter war denn auch der Königlich-Preußische Zeremonienmeister und Kammerherr Udo von Bodelschwingh, ein Cousin des Gründers der "Bodelschwinghschen Stiftung Bethel".

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  • Oranienburger Straße 86

    Die Texterläuterung finden Sie unter dem Bild Oranienburger Straße 16.

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  • Steinstraße

    Steinstraße 8 (Text für Steinstraße 10, Steinstraße 11, 11A)
    Handwerker und Hausherren.

    Im Mai 1862 wurde die Steingasse zur Straße erhoben. Ob sich ihr Name auf ihre Beschaffenheit bezog, wie bei der Lehm- oder Sandgasse auch, lässt sich nicht genau nachvollziehen. Sicher ist aber, dass sie sich in jener Zeit stark veränderte, weil in diesem Viertel ein Bauboom erster Güte losbrach. Jeder, der etwas Geld und Ahnung vom Häuserbau hatte, errichtete ein Mietshaus mit Wohnungen, Werkstätten und einem Innenhof, der die Grundstücke hinter den meist schmalen Straßenfronten weiter nutzbar machte. Oft befanden sich darin eine Pferdetränke, eine Remise oder sonstige Nebengebäude. Die Parzellierung war noch ein Relikt aus dem frühen 18. Jahrhundert, als die Spandauer Vorstadt erstmals in größerem Ausmaß erschlossen wurde.

    Es waren vor allem Handwerker und weniger betuchte Leute, die sich in dem Gebiet Stein-/Gormann- und Mulackstraße niederließen. Das macht sich nicht nur in der Größe der Häuser bemerkbar, sondern auch in ihrer kleinteiligen Aufteilung: In der Lage existierten vorherrschend Ein- und Zweizimmerwohnungen. Viele der Gebäude in der Steinstraße haben auch direkten Zugang vom Gehweg ins Souterrain, wo sich nicht selten die Kellerwerkstätten der Hausbesitzer befanden. 

    Die Steinstraße 11/11A gehört zu einem der ersten Gebäude der Straße – die Hausnummer 16 weist zum Beispiel bereits 1828 als Baujahr aus. Bauherr der beiden 1842 fertiggestellten sechsachsigen Häuser, die sich im Wesentlichen lediglich durch einen rundbogigen und einen eckigen Eingang unterscheiden, war ein Kaufmann namens Georg Daniel Kantschek. 1861 zog der Maurerpolier Georg Wothe in geschlossener Bauweise sein Mietshaus nebenan hoch und wurde der Hausherr für die Steinstraße 10. Auch er wählte wieder einen Rundbogen-Eingang, zog allerdings die Dachform im Sinne eines Mansarddachs über die Fenster der dritten Etage straßenseitig nach unten. Das Erdgeschoss weist zudem eine dezente horizontale Gliederung auf. Einen gänzlich ähnlichen Stil weist auch die Nummer 8 auf, die im Jahr 1882 in der Häuserzeile dazukam. Als Bauherr wird August Diehr genannt, ebenfalls ein Maurermeister.

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  • Steinstraße 10

    Die Texterläuterung finden Sie unter dem Bild Steinstraße  8.

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  • Steinstraße 11, 11A

    Die Texterläuterung finden Sie unter dem Bild Steinstraße  8.

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  • Tucholskystraße 42

    Ein Bild von einem Haus

    In der Nachbarschaft der Tucholskystraße 42 gibt es viele Gebäude, die unter Denkmalschutz stehen und denen man ihre Besonderheit schon von Weitem ansieht. So markieren die Kuppeln des Postfuhramtes oder der Synagoge an der Oranienburger Straße das Viertel weithin, aber auch das jüdische Verwaltungsgebäude der Gemeinde Adass Jisroel in der Tucholskystraße 40 sticht aus den typischen 19.-Jahrhundert-Wohnhäusern der Umgebung hervor: Die reich verzierte Fassade des Gemeindebaumeisters Johann Hoeniger (Baufirma Höniger & Sedelmeier) ist zwar nicht mehr erhalten, aber die starke Gliederung des Baukörpers sowie die Rundbogenfenster und Eingänge der ehemaligen Artilleriestraße 32 fallen auch heute noch auf. Ebenso wie der unvermeidliche Polizeischutz vor jüdischen Einrichtungen.

    Auf dem direkt anschließenden Grundstück – frühere Adresse: Artilleriestraße 33, heute Tucholskystraße 42 – herrscht hingegen Leere. Nun ja, nicht ganz: Zurückversetzt von der Straßenfront befindet sich das einzig erhalten gebliebene Quergebäude des früheren Wohnhauses, an dessen Stelle nun die Einfahrt und eine kleine Grünfläche zu finden ist. Dem früheren Glanz des jüdischen Zentrums nebenan verdanken wir wenigstens eine Abbildung, auf der das alte Wohnhaus zu erahnen ist: In der "Berliner Architekturwelt 7" aus dem Jahr 1907 kann man einen kleinen Streifen der zerstörten Nachbarbebauung sehen: Die Tucholsky 42 war ein dreigeschossiges Wohnhaus mit einer durch Gesimse zwischen den einzelnen Etagen stark gegliederten Fassade und den typischen hohen, zweiflügeligen Altbaufenstern mit Oberlichten. Aufgrund der Übereinstimmung der Ausstattung und der Straßenfassade mit der Hausnummer 44 ist davon auszugehen, dass die benachbarten Vorderhäuser zeitglich – um 1880 – erbaut worden waren. 

    Ein berühmter Nachbar war übrigens Christian Morgenstern. Der Dichter lebte in der Artilleriestraße 31.

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Denkmale in Berlin-Friedrichshain

  • Frankfurter Allee

    Frankfurter Allee 1, 3 Architekt: Hanns Hopp & Architektenkollektiv
    Besser, billiger, schneller – aber opulent.

    Mit einer Länge von rund 2,5 Kilometern gehört die ehemalige Stalinallee – die heutige Karl-Marx- beziehungsweise Frankfurter Allee – zu den größten Boulevards Europas und übertrifft damit sogar so berühmte Straßen wie die Ramblas in Barcelona oder die Champs-Élysées in Paris. Entstanden zwischen 1949 und 1965, ist sie eine imposante städtebauliche Wiederaufbauleistung des jungen SED-Staates. Ziel war es, innerhalb kürzester Zeit eine repräsentative Magistrale zu schaffen, die das historische Zentrum Berlins mit den Arbeiterbezirken Friedrichshain und Lichtenberg verbindet. Entlang der breiten Ausfallstraße sollten gut geschnittene und für jedermann bezahlbare Wohnungen entstehen, dazu Geschäfte, Gaststätten, Cafés, Künstlerateliers, Sport-, Bildungs- und Kultureinrichtungen sowie großzügige Garten- und Grünanlagen, kurzum: ein Stadtteil mit urbanem Flair, der "der Bedeutung der Hauptstadt Deutschlands entspricht", wie es 1951 in der Ausschreibung des Ideenwettbewerbs hieß.

    Die Stalinallee war somit ein Prestigeprojekt, konzipiert und erbaut als Zeichen gesellschaftlichen Fortschritts und Machtgestus des neuen politischen Systems. An ihrer Realisierung waren mehrere namhafte Architekten beteiligt, so auch Hanns Hopp, seinerzeit Leiter der Meisterwerkstatt II der Deutschen Bauakademie in Ost-Berlin. Hopp und sein Planungskollektiv waren unter anderem für den Bauabschnitt "Block G" zuständig, der östlich des Frankfurter Tors anschloss und die Gebäude Frankfurter Allee 1 und 3 umfasst. Die Entwürfe für dieses Teilstück lagen schon 1952 vor und wurden in kurzer Bauzeit bis 1956 ausgeführt.

    Hopp war damals über 60 Jahre alt. Hinter ihm lagen bereits erfolgreiche Berufsjahre, in denen er als Architekt vor allem in Ostpreußen tätig gewesen war. Insbesondere seine Werke der 1920er-Jahren "gehören [...] in ihrer kräftigen Expressivität und eleganten Sachlichkeit [...] uneingeschränkt zur Avantgarde", wie die Kunsthistorikerin Gabriele Wiesemann schreibt. Seine Bauten der frühen fünfziger Jahre hingegen zeugen von einer gänzlich anderen Stilphase. Wie an den Häusern Frankfurter Allee 1 und 3 zu erkennen, vermischen sich hier Elemente des Berliner Klassizismus mit Formen, die dem zeitgenössischen sowjetischen Wohnungsbau entlehnt sind. Dies entsprach dem von Staatsseite aufgenötigten Leitbild der "Nationalen Tradition", an dessen Formulierung Hopp aufgrund seiner Führungsposition in der Deutschen Bauakademie maßgeblich beteiligt war.

    Prächtige Fassaden für eine prächtige Straße

    Hopps "Block G" zählt, wie Wiesemann formuliert, "zu den prächtigsten Bauten, die in der frühen DDR überhaupt errichtet wurde". Geradezu opulent gestaltete Hopp die Fassaden mit architektonischem Schmuck wie Kolonnaden, Balkonen, Erkern und Ornamentbändern. Sie erinnern entfernt an italienische Palastarchitektur. Die Verwendung qualitätsvoller Materialien wie Sandstein und Meißner Keramikfliesen unterstreicht diesen Eindruck des Prunkvollen. Dank der denkmalgerechten Sanierung nach der Wende sind die Kacheln sogar weitgehend im Original erhalten geblieben. Trotz dieser handwerklich anmutenden Schaufassaden setzte Hopp auch seriell gefertigte Bauteile aus Stahlbeton ein, um die Kosten zu senken und Walter Ulbrichts Forderung nach einem "besser[en], billiger[en] und schneller[en]" Bauen nachzukommen. Der Grundstein für eine Standardisierung und Industrialisierung des DDR-Bauwesens war damit gelegt.

    Mehr als die Hälfte der neu errichteten Wohnungen waren klein und bestanden aus zwei bis drei Zimmern. Gemessen am Standard der Nachkriegsjahre waren sie äußerst komfortabel und mit technischen Finessen wie Fernheizung, Warmwasserversorgung, Fahrstuhl und Müllschlucker ausgestattet. Im Vergleich dazu war die Miete mit 90 Pfennig pro Quadratmeter relativ gering. "Die Stalinallee", so das Resümee der beiden Historiker Herbert Nicolaus und Alexander Obeth, "verkörperte in ihrer Anlage und ihrer Geschichte für die Menschen, die sie bauten, und noch mehr für die, die in ihr wohnten, ein progressives Repräsentationsmodell für eine sozial gerechte Lebensweise, die Hoffnung des ersten Wiederaufbaujahrzehnts." Und tatsächlich wurden, so Nicolaus und Obeth weiter, "80 Prozent der Wohnungen der Allee in ihrem Erstbezug an Arbeiter vergeben." Ein sozialistischer Menschheitstraum, der wahr wurde – so könnte man meinen. 

    Mehr als die Hälfte der neu errichteten Wohnungen waren klein und bestanden aus zwei bis drei Zimmern. Gemessen am Standard der Nachkriegsjahre waren sie äußerst komfortabel und mit technischen Finessen wie Fernheizung, Warmwasserversorgung, Fahrstuhl und Müllschlucker ausgestattet. Im Vergleich dazu war die Miete mit 90 Pfennig pro Quadratmeter relativ gering. "Die Stalinallee", so das Resümee der beiden Historiker Herbert Nicolaus und Alexander Obeth, "verkörperte in ihrer Anlage und ihrer Geschichte für die Menschen, die sie bauten, und noch mehr für die, die in ihr wohnten, ein progressives Repräsentationsmodell für eine sozial gerechte Lebensweise, die Hoffnung des ersten Wiederaufbaujahrzehnts." Und tatsächlich wurden, so Nicolaus und Obeth weiter, "80 Prozent der Wohnungen der Allee in ihrem Erstbezug an Arbeiter vergeben." Ein sozialistischer Menschheitstraum, der wahr wurde – so könnte man meinen.

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  • Frankfurter Tor

    Frankfurter Tor 4, 5 Frankfurter Allee 2/Frankfurter Tor 6 Frankfurter Tor 7 Architekten: Kollektiv Hermann Henselmann
    Die Häuser der Anderen.

    Hätten die Häuser auf dem Platz Frankfurter Tor nicht längst unter Denkmalschutz gestanden, als der Film "Das Leben der Anderen" gedreht wurde – man hätte ihn wohl spätestens nach den beeindruckenden Szenen des Erfolgsfilms als Denkmal deklarieren müssen. War aber nicht mehr nötig, denn die Gesamtanlage der Wohn- und Geschäftshäuser mit den Adressen Frankfurter Tor 1–9 ist seit kurz nach der Wende in die Liste der Berliner Baudenkmale eingetragen. Der Entwurf für die Bebauung des Platzes, der mit seinen zwei Türmen zu einer weithin sichtbaren Landmark der Hauptstadt wurde, stammt von Hermann Henselmann, der seit dem Projekt Weberwiese langsam, aber sicher zum DDR-Stararchitekten avancierte. Erbaut wurden die Häuser in den Jahren 1955 bis 1960. Das Frankfurter Tor, das seinen Namen 1957 erhielt und heute den Kreuzungspunkt der B1/B5 und B 96a darstellt, sollte neben dem Straußberger Platz der zweite architektonische Höhepunkt der Ost-Berliner Magistrale werden: Sie wurde regelmäßig als Protokollstrecke für Staatsbesuche sowie für die jährlichen Paraden der Nationalen Volksarmee und die 1. Mai-Kundgebungen genutzt. Die Kuppelhochtürme stellen – wie der Name Frankfurter Tor besagt – eine Art Stadttor dar, das in der Tat bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz in der Nähe an der Stadtmauer existierte.

    Konkurrenz mit West-Berlin

    Während der Westen zeitgleich mit dem Hansaviertel einen Stil der Moderne mit namhaften Architekten realisierte, erhielten die Häuser am Prachtboulevard Stalinallee im Osten noch eher klassizistische Elemente: Die monumentalen Säulendurchgänge sowie historische Elemente wie Ziergiebel und Friese in der Traufzone stehen aber bereits den glatten, unornamentierten Fassaden mit klar eingeschnittenen Fenstern und Laubengängen in den obersten Etagen gegenüber. "Diese Fassade deutet schon auf die Veränderung in der Baugesinnung hin, die ab der Mitte der fünfziger Jahre auch in der DDR eine Hinwendung zu funktionalistischen Konzepten brachte", so das Landesdenkmalamt. Die Kuppeln der beiden symmetrischen Hochhaustürme auf den Frankfurter-Tor-Gebäuden sind ein Zitat an die von Carl von Gontard gestalteten Türme des Deutschen und Französischen Doms auf dem Gendarmenmarkt. Hervorzuheben sind hier auch die Brüstungsgitter der Henselmann-Türme, die wohl einer der bekanntesten DDR-Bildhauer schuf: Fritz Kühn (Brunnen auf dem Straußberger Platz, Balustraden am Hochhaus Weberwiese). Heute befinden sich in den Turmzimmern der (zu mietende) Salon "Lounge im Turm" sowie die Stiftung Denkmalschutz.

    An den rechteckigen Platz schließen weitere "Arbeiterpaläste" des Sozialistischen Realismus an, so auch in der Warschauer Straße und in der Frankfurter Allee, die vormals Stalinallee hieß und durch eine monumentales Stalin-Denkmal dominiert wurde. Den Wohnbauten lag noch die Idee "Herrschaftliches Wohnen für alle" zu Grunde. Im Zuge der Entstalinisierung ließ Walter Ulbricht 1961 das Stalin-Standbild abreißen und benannte die Straße um. Dies war in etwa auch der Wendepunkt zum nächsten Bauabschnitt der Karl-Marx-Allee, der "nachgeholten Moderne."

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  • Warschauer Straße 83, 84, 85

    Architekt: Heinz Bährhold
    Rahmen für das Frankfurter Tor

    Entstanden 1956 unter der Leitung des Architekten Heinz Bährhold, führt der sechsgeschossige Wohnkomplex Warschauer Straße 83–85 die Platzbebauung des Frankfurter Tors in südliche Richtung fort. Die Häuser sind aus der Fluchtlinie etwas zurückversetzt. Dadurch gelang es Bährhold, den Blick auf die imposante, von Hermann Henselmann entworfene Bebauung an der verkehrsreichen Kreuzung von Magistrale und Ringstraße zu lenken. Auch in Bezug auf die Gestaltung der Häuser lehnte sich Bährhold an Henselmanns zurückgenommener Ästhetik an. Er verzichtete weitgehend auf jeglichen Fassadenschmuck. Die Wandfläche rhythmisierte er geschickt durch in Form und Anzahl variierende Fenstergruppen und schloss sie zum Dach hin mit einem klassizistisch anmutenden Kranzgesims ab – ganz im Sinne der staatlich verordneten Stilvorgaben der "Nationalen Tradition". Vertikale Akzente setzte er mit luftig übereinander gestaffelten Balkonen, wie sie ganz ähnlich auch an Gebäuden an der Karl-Marx-Allee vorkommen. Jene Fassadenfliesen allerdings, wofür die Bebauung an Ostberlins Prachtboulevard so bekannt ist, verwendete Bährhold sehr reduziert: Einzig die Fensterlaibungen sind mit Kacheln verkleidet.

    Die Häuserzeile Warschauer Straße 83 bis 85 gehört zum Denkmalbereich "Karl-Marx-Allee", jenem einzigartigen städtebaulichen Ensemble im Herzen Ost-Berlins, mit dem die DDR nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte, nicht nur architektonisch, sondern auch politisch-ideologisch ein Zeichen zu setzen. Darüber hinaus ist die Gebäudereihe als selbstständiges Baudenkmal in die Denkmalliste eingetragen und als solches ein besonders schützenswertes historisches Zeugnis ostdeutscher Nachkriegsarchitektur.

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  • Weisbachviertel in Berlin-Friedrichshain

    Ebelingstraße 12,13, 13 A/Weisbachstraße 1-4 Ebelingstraße 14, 14 A/Weisbachstraße 5-8 Ebertystraße 11, 12, 12 A Kochhannstraße 13, 13 A Kochhannstraße 14–14 B Kochhannstraße 15–15 B Architekt: Alfred Messel
    Weisbachviertel: Ein neuer Wohnstandard

    Licht, Luft, Sonne – die Realität in den Berliner Mietshauskasernen des ausgehenden 19. Jahrhunderts war in der Regel ein vollkommen andere. Die Viertel waren eng bebaut, die Wohnungen dunkel und überbelegt, die hygienischen Zustände alarmierend. Mit der Wohnanlage "Weisbachgruppe" in Berlin-Friedrichshain wurden erstmals wesentliche Forderungen nach einer Verbesserung der Wohnverhältnisse eingelöst und neue Standards gesetzt. Die Anlage gehört damit zu einem der ganz frühen und richtungsweisenden Beispiele von Reformarchitektur in Berlin. 

    Architekt der zwischen 1899 und 1905 im Karree von Kochhann-, Weisbach-, Eberty- und Ebelingstraße errichteten Gebäude war Alfred Messel. Er hatte sich mit seinen modernen Kaufhäusern für die Familie Wertheim einen Namen gemacht. Zwar galt er als einer der "Stararchitekten" des gut betuchten Bürgertums, entwickelte aber gleichzeitig ein großes Interesse für sozialreformerische Ideen und bemühte sich, den katastrophalen Zuständen in den Arbeiterquartieren mit innovativen architektonischen Lösungen zu begegnen. 

    Das Weisbachviertel war Messels größtes Wohnungsbauprojekt. Der Komplex umfasste ursprünglich 16 fünfgeschossige Mietshäuser mit insgesamt 388 Wohnungen und 18 Läden. Er entstand im Auftrag des "Vereins zur Verbesserung der kleinen Wohnungen in Berlin". Dessen Aufsichtsratsvorsitzender war der Bankier und Kunstmäzen Valentin Weisbach. Er hatte das westlich des Vieh- und Schlachthofs gelegene Baugelände aus eigenen Mittel erworben, um Bürgern der unteren Einkommensschichten qualitätsvollen und bezahlbaren Wohnraum zu ermöglichen. 

    Sahen Messels erste Entwürfe noch eine damals typische dichte Bebauung mit Quer- und Seitenflügeln sowie mehreren kleinen, geschlossenen Innen- und Hinterhöfen vor, so realisierte er schließlich auf der vorgesehenen Parzelle eine einzeilige, luftige Blockrandbebauung, in deren Mitte er Platz für eine große begrünte Freifläche mit Kinderspiel- und Turnplatz ließ. Parallel zu diesem Karree entstand auf der gegenüberliegenden Seite der Weisbachstraße zusätzlich eine aus zehn Gebäuden bestehende Häuserzeile. 

    Badezimmer für alle

    Für die einstigen Verhältnisse boten die Ein- bis Zweizimmer-Wohnungen einen großen Komfort. Zwar besaß keine der Wohnungen ein eigenes Bad, aber alle verfügten über Küche, Speisekammer und Innentoilette und waren entweder mit einem Balkon oder einer Loggia ausgestattet – ein Luxus für die damalige Zeit. Ein kleines Gebäude im Innenhof diente den Bewohnern als Badehaus, das einmal in der Woche kostenlos genutzt werden konnte.

    Auch bei der Außengestaltung des Mietblocks ging Messel bewusst neue Wege. Anstelle überladender, historisierender Stuckfassaden entschied er sich für eine einfache Gliederung. So bediente er sich zweier in Struktur und Farbigkeit verschiedener Materialien wie Putz und Klinker und kombinierte diese geschickt mit turmartigen Erkern, Balkonen und hervorspringenden Giebeln als Bauelementen. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Weisbachviertel teilweise zerstört. Bei der Instandsetzung wurde die einst rhythmisierte Dachlandschaft verändert und die ausgebrannten Häuser Ebertystraße 13 und 14 sowie Ebelingstraße 10 und 11 in den 1970er- beziehungsweise 1980er-Jahren durch Neubauten ersetzt. Mitte der 1990er- Jahre erfolgte die behutsame Sanierung und Modernisierung des unter Denkmalschutz stehenden Wohnkomplexes. Dabei konnte auch die Hofanlage 1997 rekonstruiert werden. Auf einen Wiederaufbau des Badehauses wurde allerdings verzichtet. An dessen Stelle befindet sich heute ein Neubau, in dem seit 2005 das Kinderhilfswerk ARCHE einen Standort unterhält.

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  • Platz der Vereinten Nationen 1–2

    Architekten: Kollektiv Hermann Henselmann/Wilfried Stallknecht/Heinz Mehlan
    Hochhaus in Fahnenform

    1970, im Jahr seiner Fertigstellung, war der Hochhausturm auf dem heutigen Platz der Vereinten Nationen mit seinen 76 Metern das höchste Wohnhaus Berlins – kein Wunder, der damalige Leninplatz, der zu Ehren des 100. Geburtstags Lenins errichtet wurde, sollte schließlich ein städtebauliches Aushängeschild der DDR werden. Nicht allein die Errichtung von Wohnraum stand im Vordergrund, vor allem sollte der Platz als "autogerechter" Verkehrsknotenpunkt an der riesigen Kreuzung Landsberger Allee/Lichtenberger Straße eine besondere Betonung bekommen.

    Doch wie es in der Realität oft so ist, fiel der Bau dann doch um einiges reduzierter aus als der Wettbewerbsentwurf von 1967 es vorsah: Das Haus in Gestalt einer Fahne sollte siebenfach gestaffelt werden, daraus wurden lediglich drei Staffelungen mit 25, 21 und 17 Geschossen, in denen sich zirka 280 Wohnungen befinden, jede zweite mit Loggia und einige wenige sogar mit Dachterrassen. Die Plattenbauweise ist eine Weiterentwicklung des Typs WHH-GT, der facettenreicher gestaltet werden sollte. Die Entwurfsidee dazu stammte aus der Feder des Architekturkollektivs rund um Hermann Henselmann, realisiert wurde die Bebauung unter Heinz Mehlan. Statt der geplanten skulpturalen Bibliothek vor dem Hochhaus wurde eine monumentale Leninstatue aus rotem Granit aufgestellt, die im Februar 1992 abgerissen und später durch einen steinernen Brunnen ersetzt wurde. Das Ensemble "Wohnkomplex Leninplatz" steht seit 1995 unter Denkmalschutz. Das Hochhaus wurde in den Jahren 1994 bis 1996 durch den Bremer Architekten Hans-Albrecht Schilling energetisch saniert.

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  • Platz der Vereinten Nationen 3–12

    Architekten: Kollektiv Hermann Henselmann/Wilfried Stallknecht/Heinz Mehlan
    Der Bumerang

    Es geht auch rund. Industriell gefertigte Plattenbauten müssen nicht immer quadratisch, praktisch, monoton sein – das bewies das Kollektiv um den DDR-Architekten Hermann Henselmann mit dem Platz der Vereinten Nationen (bis 1992 Leninplatz). Wesentlichen Einfluss auf den Entwurf hatte dabei der Architekt und Plattenbau-Spezialist Wilfried Stallknecht. Als Rahmen für das 25-geschossige Hochhaus und für ein skulpturales Bibliotheksgebäude (das allerdings nie realisiert wurde), entwarf er zwei geschwungene Wohnhäuser, die das Prestigeobjekt auf dem wichtigen Verkehrsknoten im wahrsten Sinne des Wortes "abrunden" sollten: den S-Block und den U-Block. Sieht man die beiden Elfgeschosser aus der Vogelperspektive, sind die Spitznamen "Schlange" und "Bumerang" naheliegend. Die bautechnischen Neuerungen waren trapezförmige Sonderachsen, die die Platte aus ihrer Rechtwinkeligkeit holten: Konkave und konvexe Formen waren plötzlich möglich und wurden auf dem Platz zu Ehren Lenins 100. Geburtstag auch realisiert.

    Der 330 Meter lange Bumerang an der Südost-Seite des Platzes gehört zum Typ P2, der von Stallknecht zum Typ P2/11 weiterentwickelt wurde. Die Grundform entspricht einem Zweispänner mit Dreizimmerwohnungen, die beliebig oft aneinandergereiht werden konnten. Die Krümmung, möglich gemacht durch die neuen Sonderachsen, vermittelt ein abwechslungsreiches Fassadenbild, das durch die Farbgestaltung akzentuiert wird. Nicht nur, dass darin die Aufzüge untergebracht sind, die allerdings nur in der 4., 7. und 10. Etage halten, sind auch die Loggien in diesen Sondergeschossen verglast und zusätzliche Balkone angebracht. Bedingt durch die Verbindungsgänge befinden sich im geschwungenen Teil auch Ein- und Zweizimmerwohnungen. So kommt der Bumerang auf 374 Wohnungen. 1987 wurde er allerdings in Richtung Straußberger Platz noch mit zwei Einheiten des Wohnbautyps WBS70 erweitert. Dieser Anbau mit den Hausnummern 11 und 12 beherbergt weitere 108 Wohnungen. Die denkmalgerechte Sanierung fand 1997/98 statt.

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  • Platz der Vereinten Nationen 23–32

    Architekten: Kollektiv Hermann Henselmann/Wilfried Stallknecht/Heinz Mehlan
    Die Schlange

    Die deutlichen Rundungen, die man am besten von oben ausmachen kann, gaben dem S-Block seinen Spitznamen: die "Schlange". Sie ist ein 311 Meter langer Plattenbau der Serie P2 und wurde – wie ihr Gegenüber mit dem Namen "Bumerang" – als Teil des Wettbewerbsentwurfs zur Gestaltung des sogenannten "Leninplatzes" von Hermann Henselmann und seinem Team kreiert. „In einer großen städteräumlichen Geste nehmen die geschwungenen Platzwände die Dynamik der beiden Zufahrtstraßen auf“, heißt es beim Landesdenkmalamt Berlin.

    Führender Kopf des Kollektivs war neben Henselmann der Wohnungsbauspezialist Wilfried Stallknecht. Die Besonderheit des Elfgeschossers (Typ P2/11) liegt in ihrer geschwungenen Form, die erstmals bei diesem sozialistischen städteplanerischen Vorzeigeobjekt realisiert wurde: Plattenbau auf höchstem Niveau. Die Krümmungen sind aufgrund der Kranbahnführung baugleich mit jener des Bumerangs. Die beiden Elfgeschosser bilden auf dem Platz den Rahmen für das zentrale bis zu 76 Meter hohe Hochhaus, vor dem bis ins Jahr 1992 eine monumentale Lenin-Statue prangte. Die Rundungen der Schlange haben nicht nur spezielle Funktionen für das gesamte Wohnhaus wie Verbindungsgänge und Fahrstühle, ihre Fassaden wurden auch speziell gestaltet. So war vor allem die Farbgebung auffallend: Die weiß gehaltenen Loggienbrüstungen aus Marmorsplit-Waschbeton betonten die gelben Keramikverkleidungen der Sonderachsen besonders. 

    Rote und blaue Elemente aus Blech lieferten zusätzliche Akzente für das lebendige Erscheinungsbild. Seit 1995 stehen alle Wohnhäuser auf dem Platz der Vereinten Nationen unter Denkmalschutz. Die Sanierung mit Wärmedämmung brachte zwar Kompromisse bei den Materialien mit sich, die Plastizität der Fassade von Bumerang und Schlange wurde aber sogar noch unterstrichen. Es ist gelungen, dass die Funktionalität der Gebäude auch nach der Sanierung nachvollzogen werden kann. Verantwortlich dafür war im Jahr 1998 das Berliner Architekturbüro Klaus Theo Brenner. Die Wohnungsbaugesellschaft Friedrichshain wurde für die hervorragende denkmalgerechte Sanierung der Schlange damals sogar mit dem Bauherrenpreis ausgezeichnet.

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  • Platz der Vereinten Nationen 15–22

    Die grüne Scheibe

    Das grüne Wohnhaus mit der heutigen Adresse "Platz der Vereinten Nationen 15–22" gehört nicht, wie die Lage vermuten ließe, zum denkmalgeschützten Ensemble "Wohnkomplex Leninplatz", zu dem das bekannte Hochhaus sowie die gegenüber der Landsberger Allee liegenden Wohnhäuser mit Spitznamen "Schlange" und "Bumerang" erklärt wurden. Sondern der Grüne Block zählt zeitlich und baugeschichtlich zum Wohngebiet Karl-Marx-Allee, 2. Bauabschnitt. 

    Der Zehngeschosser wurde auch schon vor dem Leninplatz erbaut, nämlich 1966. Es handelt sich um einen Plattenbau vom Typ QP 64 mit 240 Wohnungen, wie wir ihn Richtung Karl-Marx-Allee dutzendweise finden. Die Abkürzung QP ergibt sich aus den Anfangsbuchstaben von Quertafelbauweise und Plattenbau. Die Zahl ergibt sich aus dem Jahr, in dem bestimmte Ausführungen realisiert wurden: So hat QP 59 fünf Geschosse, QP 61 acht, und der QP 64 konnte bis zu zehn Geschosse haben, wie dieser am Platz der Vereinten Nationen. Aufzüge gehörten bei dieser industrialisierten Bauweise bereits zur Grundausstattung. Die tragenden Querwände, auch Schotten genannt, bestimmen die Raumbreite von 3,60 Metern und prägen die bis heute typischen Grundrisse. So teilen sich das schmale Bad und die Küche oftmals eine Achse. Bei den Wohnzimmern gibt es entweder bodentiefe Fenster oder aber vorspringende Balkone – ein Element der Fassadengestaltung. Ein anderes Charakteristikum der als Scheibe bezeichneten Wohnhäuser dieses Typs sind die farbigen Keramikplatten an den Außenwänden, die oft in Pastelltönen gehalten waren. Auch das Wohnhaus Platz der Vereinten Nationen 15–22 "trägt" zartes Grün. Saniert wurde die Fassade des Grünen Blocks relativ originalgetreu im Jahr 1996 von der Berliner Architektin Katrin Rönspieß. 

    Die QP 64-Plattenbauten zwischen Strausberger Platz und Alexanderplatz stehen alle unter Denkmalsschutz. Meist finden sie sich in einem Wechselspiel aus Hoch- und Flachbauten (z.B. das bekannte Kino International). Auch vor dem Grünen Block auf dem Platz der Vereinten Nationen befindet sich die einstöckige frühere Kaufhalle, in der noch heute ein Supermarkt untergebracht ist.

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  • Warschauer Straße 39/40

    Gesamtanlage Warschauer Straße 39/40 und 43/44 Architekt: Johann Emil Schaudt
    Industriepalast

    Die Wiege des heute weltberühmten OSRAM-Konzerns steht in Berlin-Friedrichshain. Hier, unweit von Spree und Oberbaumbrücke, fertigte die Deutsche Gasglühlicht Anstalt, ab 1919 unter dem Namen OSRAM firmierend und später in der DDR als NARVA bekannt, Anfang des 20. Jahrhunderts ihre ersten Glühlampen. Dazu mietete das Unternehmen eine Etage im Industriepalast an der Warschauer Straße 34–44 an, bevor es dann später ein eigenes Werk in direkter Nachbarschaft bezog. 

    Von dem ursprünglich aus fünf Einheiten bestehenden Komplex Warschauer Straße haben allerdings lediglich die Gebäude 39/40 und 43/44 den Zweiten Weltkrieg und nachfolgende Veränderungen unbeschadet überdauert. Architekt der heute unter Denkmalschutz stehenden Gesamtanlage war Johann Emil Schaudt (1874–1957), der mit seinen Plänen für das Kaufhaus des Westens (KaDeWe) bekannt werden sollte. Im Auftrag des Kommerzienrates Rudolf Schönner entwarf Schaudt einen lang gestreckten, fünfgeschossigen Eisenskelettbau, dessen Ausführung 1906/07 die Baufirma Boswau & Knauer übernahm. 

    Der Industriepalast war eine für das Berlin der Jahrhundertwende typische Etagenfabrik, deren einzelne Stockwerke in der Regel an kleinere und mittlere Betriebe wie Gerbereien, Elektrounternehmen oder holzverarbeitendes Gewerbe vermietet wurden. Zu diesem Zweck plante Schaudt einen Gebäudekomplex mit großen Durchfahrten, zwei Kellerzonen und weitläufigen, flexibel nutzbaren Hallen, die optimale Lichtverhältnisse boten. Krananlagen und unterirdische Gleisanschlüsse sorgten für ideale Transportmöglichkeiten der Rohstoffe und fertigen Produkte. 

    Fabrik in der Häuserzeile

    Bei der Fassadengestaltung orientierte sich Schaudt an den Mietshäusern der Umgebung, indem er die Straßenseite mit rotem Klinker verkleidete und nicht nur Traufhöhe und Geschosseinteilung übernahm, sondern auch eine strenge vertikale Gliederung mit hervorspringenden Bauelementen wie Risaliten. Im Gegensatz dazu bildete er das Erdgeschoss als Arkadenzone aus und verwendete dafür mächtige Rustikaquader. 

    Erst zwischen 2000 und 2002 wurde das im Krieg fast vollkommen zerstörte Gebäude Warschauer Straße Nr. 41/43 neu aufgebaut. Es steht wie das heutige Eckhaus Warschauer Straße 38 nicht unter Denkmalschutz. Denn auch von dessen ursprünglicher Bausubstanz hat sich nur noch wenig erhalten. Sie wurde durch Umbaumaßnahmen in den Jahren 1992 und 1993 stark verändert.

    In dem Gewerbeobjekt Warschauer Straße 39/40 ist heute das "Michelberger Hotel" untergebracht. Vor allem junge Touristen aus aller Welt lieben das szenige Hotel, das von dem Berliner Stardesigner Werner Aisslinger gestaltet und ausgestattet wurde. Hotelbar oder Restaurant sind aber auch für Berliner einen Besuch wert, denn das Interiordesign passt hervorragend zu der Industriearchitektur des denkmalgeschützten Gebäudes: Bücherregale aus Gabionen, Hängeleuchten mit Altpapierschirmen, ein Windfang mit Altbaufenstern oder das Sammelsurium an Stühlen unterstreichen den Charme des alten OSRAM-Fabrikgeländes noch in ganz besonderer Weise.

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  • Hochhaus Weberwiese und Umgebung

    Marchlewskistraße 25 (Hochhaus) Marchlewskistraße 25 A-C (Querriegel) Marchlewskistraße 16–22/Fredersdorfer Straße 25–27 Marchlewskistraße 24–30/Fredersdorfer Straße 13-15 Marchlewskistraße 50/Wedekindstraße 7-15 Gubener Straße 55, 56, 58 Architekt: Hermann Henselmann
    Riese aus Stein

    Nur rund eine Woche soll Hermann Henselmann an dem zweiten Entwurf für das Hochhaus an der Weberwiese gearbeitet haben. Der erste Bauplan – dem Bauhausstil verhaftet – war von höchster politischer Ebene nach Kritik aus der Sowjetunion abgeschmettert worden. Ein neuer musste kurzerhand her, einer im Stil der "regionalen und nationalen Bautradition". Also zitierte Henselmann nun den Berliner Klassizismus und setzte auf architektonische Elemente à la Karl-Friedrich Schinkel. Damit traf er wohl eher die Vorstellungen Josef Stalins: Das "erste sozialistische Haus" in Berlin wurde schließlich 1951/52 an der Weberweise in Friedrichshain gebaut. Die gesamte Wohnanlage inklusive der benachbarten Wohngebäude und Freiflächen ist heute denkmalgeschützt.

    Das Hochhaus an der Weberwiese ist in mehrerer Hinsicht ein "Rekordbau": Von der Grundsteinlegung bis zum Einzug der ersten Bewohner vergingen lediglich sieben Monate. Dazwischen wurde Tag und Nacht und bei jeder Witterung gearbeitet. Den letzten Stein verbaute Erich Honecker höchstpersönlich. Sogar ein Lied gibt es über den Bau: In dem Text wird das Hochhaus als "Riese aus Stein" bezeichnet und als das "neue Berlin" gefeiert.

    Als Baumaterialien wurden hauptsächlich Trümmersteine von den Ruinen des Zweiten Weltkriegs verwendet, aber auch einige besondere Teile wie die Säulen am Eingang, die aus der Reichskanzlei in der Wilhelmstraße stammen, in der nur wenige Jahre früher Adolf Hitler residierte. Der schwarze Marmor im Sockelbereich stammt angeblich aus dem Landsitz Hermann Görings. 

    Über dem Eingangsportal prangt eine Tafel mit einem Bertold-Brecht-Vers: "Friede in unserem Lande, Friede in unserer Stadt, daß sie den gut behause, der sie erbauet hat".

    Dies alles zeigt, dass das Hochhaus an der Weberwiese vor allem eine propagandistische Funktion erfüllen sollte: Ein "steingewordenes Versprechen", so Wikipedia, das die führende Rolle des Sozialismus demonstrieren wollte, in dem es eine Zukunft mit herausragendem Lebensstandard versprach. Ein Fahrstuhl und Zentralheizung gehörten ebenso zur Grundausstattung wie Telefone, Einbauküchen mit Warmwasserboiler und E-Herden, Wechselsprechanlagen und hochwertige Fußböden für alle 33 Drei-Zimmer-Wohnungen.

    Mitarbeit des DDR-Bildhauers Fritz Kühn

    Die 96-Quadratmeter großen Wohnungen verteilen sich auf die acht Obergeschosse des 35 Meter hohen Hauses. Der rechteckige Baukörper hat einen stark vertikal gegliederten Mittelteil, der durch verputzte Eckausbildungen gerahmt wird. Der Aufbau folgt einer strengen Symmetrie. Die letzten Obergeschosse setzen sich von dem übrigen Gebäude ab und verleihen ihm ein feingliedriges Erscheinungsbild. Dazu tragen vor allem die frei hervortretenden, handgefertigten Schmuckelemente aus weißer Keramik bei. Auch die übrige Fassade ist aus weißen Keramikplatten gefertigt, die aus der Meißener Porzellan-Manufaktur stammen. Ganz oben gibt es eine – früher für alle Bewohner zugängliche – Dachterrasse, in deren Mitte ein Staffelgeschoss mit viel Fensterflächen und Verzierungen an den Ecken, so genannten Akroterien, steht. Sämtliche Balustraden und Fenstergitter stammen aus der Werkstatt von Fritz Kühn (Brunnen Strausberger Platz, Balustraden der Frankfurter Tor-Türme). "Räumlich fungiert das Gebäude als Höhendominante, die aus unterschiedlichen Richtungen wahrnehmbar ist und den Ort markant bezeichnete", schreibt das Landesdenkmalamt über den Standort des Hochhauses innerhalb des Komplexes Weberwiese. Der angegliederte Querriegel mit der Adresse Marchlewskistraße 25 A–C ordnet sich dem Hochhaus architektonisch und gestalterisch unter. Er ist mit einem Säulendurchgang im offenen Erdgeschoss sowie drei Geschossen mit dem Hochhaus verbunden und schließt sich mit seiner Putzfassade, die ebenfalls Zierelemente aus weißen Keramikkacheln enthält, dem Erscheinungsbild an. Auch die Wohnblöcke Marchlewskistraße 16–22/Fredersdorfer Straße 25–27 und Marchlewskistraße 24–30/Fredersdorfer Straße 13–15 sowie Gubener Straße 55, 56, 58 zitieren die Bauweise des Hochhauses, in dem sie gestalterische Details aufnehmen: Hervorzuheben sind hier vor allem die Eingangsbereiche mit Säulen und die Reliefbilder mit optimistischen Zukunftsszenen in Höhe der Attikageschosse. Das Mietshaus in der Marchlewskistraße 50/Wedekindstraße 7–15, erbaut um 1955, wahrscheinlich nach Entwürfen von Rudolf Weise, wurde ebenfalls wie die anderen Häuser als Ensembleteile unter Denkmalschutz gestellt. Gemeinsam bilden alle Gebäude den Komplex Weberwiese. Den Namen hat die Wohnsiedlung von dem Platz, an dem früher Weber und Färber arbeiteten. Mit einem Teich, Bäumen, Bänken und dem "Hans im Glück", einer Bronzeskulptur, wurde der Platz von dem Gartenarchitekten Helmut Kruse zu einer Grünanlage gestaltet und fungiert seit dem Bau der Wohnhäuser als Naherholungsgebiet für deren Bewohner. Der Bau des Hochhauses an der Weberwiese verschlang ein Vielfaches an Kosten von den späteren Wohnungsbauprogrammen der DDR, als die Wirtschaftlichkeit mehr in den Fokus rückte als die repräsentative Aufgabe. Bis heute sind die Wohnungen in einem der architektonisch spannendsten Gebäude der 1950er-Jahre äußerst begehrt.

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  • Wohnzellen Friedrichshain

    Graudenzer Straße 1A–D, 5A–D, 9A–D, 15C–E, 19, 21 A–E Graudenzer Straße 2–10, 12–20 (gerade)
    Wohnzellen: Vorstadt in der Großstadt

    Die Graudenzer Straße, benannt nach der polnischen Stadt Graudenz, polnisch: Grudziadz, war 1919 einer der Schauplätze des so genannten Spartakusaufstandes, bei dem Arbeiter und Revolutionäre sich erbitterte Straßenkämpfe gegen die Regierung lieferten. Die Häuser überstanden dies mehr oder weniger schadlos. Anders als den Zweiten Weltkrieg, als von der Bebauung des gesamten Viertels kaum mehr als ein paar Ruinen übrigblieben.

    Über die neu entstandenen Freiflächen mitten in der Stadt machten sich schließlich die Stadtplaner her, darunter Hans Scharoun, der an der Nachkriegsplanung rund um die Karl-Marx-Allee maßgeblich beteiligt war. Doch in erster Linie blieb es bei der Planung: Abgesehen von beiden Laubenganghäusern, die auf seinen Entwürfen basieren, wurden lediglich fünf Wohnzeilen zwischen Hildegard-Jadamowitz- und Graudenzer Straße sowie eine in der Gubenener Straße und die beiden Wohnhäuser auf der Südseite der Graudenzer Straße errichtet, die zu der Idee der "Wohnzelle Friedrichshain" gehörten. "Sie erhalten ihre Bedeutung in Verbindung mit den Laubenganghäusern als Zeugnis einer städtebaulichen Idee, die zwar nur fragmentarisch umgesetzt wurde, aber im Zusammenhang mit den stalinistischen Bauten in der Nachbarschaft den tiefgreifenden Wechsel in der Baupolitik in der DDR der frühen fünfziger Jahre besonders deutlich macht", sagt das Landesdenkmalamt über die Wohnbauten, die als Gesamtanlage mit ihrer Umgebungsbebauung das Denkmal "Wohnzelle Friedrichshain" bilden. 

    Die beiden Blöcke in der Graudenzer Straße wurden Anfang 1950 vom Kollektiv Richard Paulick/Werner Schmidt/Dieter Zahn entworfen und gebaut. Ihr Stil ist sehr reduziert, sie orientieren sich noch eher an der auch von Scharoun favorisierten Bauhaus-Formensprache. Ihre lockere Bauweise erinnert an die Siedlungen der klassischen Moderne aus den 1920er-Jahren. Die Viergeschosser entsprechen vor allem der Vorstellung, eine Art "Vorstadtsiedlung" mit viel Grün zwischen den einzelnen Wohnhäusern als Gegenentwurf zur Großstadt zu bilden. Gute Luft, viel Licht, parkähnliche Freiflächen und ein gemeinschaftliches Miteinander sollten die Lebensqualität erhöhen. Walter Ulbricht höchstpersönlich mischte sich in den ideologischen Streit um die Stadtplanung ein: Die niedrigen Häuser würden die Stadt verniedlichen und eher in die südafrikanische Landschaft passen, sagte der Parteichef auf dem SED-Parteitag 1950. Aus der Wohnzelle wurde also nichts. Nicht nur, dass sie schnellstens umbenannt wurde in "Wohnstadt Friedrichshain" und kurz darauf nochmals in "Wohnstadt Stalinallee", die Baupläne wurden nach der Errichtung von den insgesamt acht noch heute bestehenden Wohnzellen in Richtung "Nationales Aufbauprogramm" radikal umgeändert. Der Architekturstil mündete schließlich in den Zuckerbäcker-Repräsentationsbauten der Karl-Marx-Allee: Arbeiterpaläste statt Wohnzellen.

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  • Laubenganghäuser

    Karl-Marx-Allee 102–104 Karl-Marx-Allee 126–128 Architekten: Hans Scharoun, Ludmilla Herzenstein
    Gebauter Teil einer Utopie

    Wenn man schnellwachsende Pappeln vor ein Gebäude setzt, damit man es nicht mehr so gut sehen kann, dann muss irgendetwas nicht ganz nach Plan gelaufen sein. Den Laubenganghäusern des berühmten Architekten Hans Scharoun (Philharmonie, 1960-1963) in Friedrichshain ist genau dies passiert. Was nicht nach Plan lief, war allerdings weniger seine Entwurfsidee als vielmehr der Lauf der Geschichte einer Stadt, die sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erst finden und entwickeln musste.

    Die Karl-Marx-Allee, heute eine der größten Ausfallstraßen Richtung Osten, hatte schon viele Namen: Frankfurter Straße, dann Große Frankfurter Straße, schließlich: Stalinallee. Es war das Jahr 1949, Gründungsjahr der DDR, als sie am 21. Dezember zu Ehren von Josef Stalins 70. Geburtstag umbenannt wurde. An diesem Tag fand auch die Grundsteinlegung der ersten Bauphase statt. Kurz darauf wurde ein monumentales Standbild des russischen Führers eingeweiht (das allerdings 1961 wieder demontiert wurde).

    Von der früheren Bebauung war nach Kriegsende wenig übrig geblieben. Im Gegenteil, zunächst musste die Straße enttrümmert werden, ganze Viertel waren Brachen, die neu gestaltet werden mussten – für Stadtplaner eine Spielwiese zum Austoben. Genau das tat Hans Scharoun. Als Stadtbaurat der sowjetischen Militärregierung entwickelte er seinen so genannten „Kollektivplan“, der eine völlige Neustrukturierung der Stadt vorsah. Berlins Straßen sollten wie ein Gitter nach Rasterplan verlaufen, dazwischen wäre Platz für "Stadtlandschaften": "Wohnzellen" mit viel Grün und guter Infrastruktur, eine Mischung aus großen Wohn- und Einfamilienhäusern, ähnlich Vorstadtsiedlungen. Der Architekt wollte, dass sein Wohnentwurf ein "Mittler zwischen dem Chaos der Weltstadt und der Verlorenheit des einzelnen Menschen" werden würde. 

    Rückschläge aus  politischen Gründen

    Scharouns Ideen führten nicht immer zu Gegenliebe. Schon bald wurde er aus dem Amt gedrängt, die Pläne schließlich fallengelassen. Bis 1950 war er zwar noch Leiter des Ostberliner Instituts für Bauwesen, dennoch wurden von seinen Ideen schließlich nur wenige Wohnhäuser realisiert, darunter die Laubenganghäuser mit den Adressen Karl-Marx-Allee 102–104 sowie 126–128 (Baujahr 1949–51).

    Obwohl sie auf den Entwürfen Hans Scharouns basieren, wurden sie von seiner Mitarbeiterin Ludmilla Herzenstein und anderen Architekten weiterentwickelt und ausgeführt. Der Standort der fünfgeschossigen Wohnhäuser liegt etwas hinter der Baufluchtlinie der anderen Häuser der Karl-Marx-Allee. Wichtigste architektonische Kriterien sind die nach Norden zeigenden Laubengänge, die eine Erschließung der Wohnungen ohne Treppenhäuser ermöglicht. Der Vorteil dieser Bauweise: Die Wohnräume der 130 Ein-Zimmer-Wohnungen im "Haus Berlin" und 137 Eineinhalbzimmer-Wohnungen im "Haus Warschau" sind alle Richtung Süden ausgerichtet, zum Teil verfügen sie über Loggien. Die Gestaltung der Wohnhäuser und Fassaden hat eine sehr sachliche Formensprache – was schnell zu Kritik, ja Polemik, führte. Dann kamen die Pappeln. Aus der "Wohnzelle Friedrichshain" war die "Wohnstadt Friedrichshain" und schließlich die "Wohnstadt Stalinallee" geworden. Die Umbenennung des Bauvorhabens signalisierte bereits einen Wandel in der Weltanschauung und Politik der DDR, der auch zur stilistischen Veränderung in der Architektur führte: Scharouns Entwürfe galten plötzlich als "dekadent, bourgois, elitär und formalistisch". Der nächste Bauabschnitt der Karl-Marx-Allee sollte die sowjetische Monumentalarchitektur der Stalin-Ära zitieren: Bald entstanden die Arbeiterpalästen im "Zuckerbäckerstil". Die Häuser in der Karl-Marx Allee 102–104 und 126–128 stehen heute unter Denkmalschutz – als gebauter Teil einer Utopie.

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  • Block 40/Karl-Marx-Allee

    Auerstraße 8-24 (gerade), 28, 30 Löwestraße 6-16, 22–26 (gerade) Weidenweg 5–21 (ungerade) (Bauensemble "Block 40"), (Bauensemble "Karl-Marx-Allee") Löwestraße 25, 25A, 27 (Ensembleteil) Löwestraße 29, Weidenweg 23 (Ensembleteil) Richard-Sorge-Straße 8, 84 Weidenweg 27-35 (ungerade), 43-49 (ungerade) (Ensembleteil) Karl-Marx-Allee 93 (Freifläche) (Ensemble "Grünflächen und Grünanlagen, Promenaden und Brunnenanlagen, Verkehrsflächen, Wohngrünanlagen und Spielplätze") Architekt: Kollektiv Kurt Walter Leucht
    Häuser des 17. Juni

    Tausende von Demonstranten versammelten sich in den frühen Morgenstunden des 17. Juni 1953 auf der Stalinallee und zogen in Richtung Berliner Innenstadt. Bereits in den Wochen zuvor hatte es Protestkundgebungen und Arbeitsniederlegungen vor allem in der Baubranche gegeben. Nun brach sich die allgemeine Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Zuständen in der DDR Bahn und versetzte das gesamte Land in einen Ausnahmezustand, den erst die sowjetische Armee zu beenden vermochte – mit Gewalt.

    Die Ereignisse rund um den 17. Juni gingen als erster antistalinistischer Aufstand in die Geschichtsbücher ein. Eine zentrale Rolle bei diesen spontanen Massenunruhen spielten die Arbeiter der Baustelle „Block 40“. Mit ihrer Forderung nach einer Senkung der staatlich festgelegten Arbeitsnormen hatten sie sich schon am Vortag einem Demonstrationszug angeschlossen. 

    Der "Block 40", jenes zwischen Weidenring, Auer- und Löwenstraße gelegene Dreieck, gehörte wie die Bebauung an der Berliner Stalinallee – heute Karl-Marx-/Frankfurter Allee – zum "Nationalen Aufbauprogramm" der DDR, mit dem ab Beginn der 1950er-Jahre die kriegszerstörte Stadt rasch wieder hergestellt und Wohnraum für viele geschaffen werden sollte. Ein Mammutprojekt, das gewaltige personelle, materielle und finanzielle Ressourcen verschlang und mit Druck und ideologischer Verve vorangetrieben wurde, sollte es doch – und hier insbesondere die Stalinallee – zum Vorzeigemodell des neuen sozialistischen Staates werden. 

    Verantwortlich für das Projekt "Block 40" war das Entwurfskollektiv um Kurt Walter Leucht. Leucht zählte damals zu den einflussreichsten Architekten in Ost-Deutschland und war nicht zuletzt deshalb auch mit einem Teil der Randbebauung an der Stalinallee, dem so genannten "Abschnitt D", planerisch betraut. Dieser entstand etwa zeitgleich und lag in Sichtweite zur Baustelle des "Blocks 40". Mit "Abschnitt D" war Leucht das kürzeste Alleestück zugeteilt worden. Der Bauplatz war schmal, weil hier bereits eine Bebauung vorhanden war und zusätzlich Gebäude des Stadtbezirkszentrums vorgesehen waren. Diese wurden allerdings nicht ausgeführt, sodass unter anderem die Karl-Marx-Allee 93 bis heute eine Freifläche ist, auf der im Sommer der Biergarten "James June" seine Pforten öffnet.

    Trotz Arbeiteraufstand in Rekordzeit erbaut

     

     

     

    Mit dem sich nördlich anschließenden Gebiet "Block 40" erhielt Leucht den Auftrag, eines der rückwärtigen Wohngebiete der Stalinallee wieder aufzubauen. Die noch bestehenden Altbauten wie beispielsweise die Löwestraße 6 sollten in die neue Bebauung integriert werden. Diese Vorgaben verraten ein Umdenken der Verantwortlichen, die mit diesem kostensparenden Schritt versuchten, der immer drängender werdenden Wohnungsnot schnell abzuhelfen. Die ersten Entwürfe lagen daher schon nach wenigen Wochen vor. Die Grundsteinlegung erfolgte noch im November 1952, und nach nur knapp zweijähriger Bauzeit war der dreiseitige Wohnkomplex mit rund 400 Wohnungen und sieben Ladenlokalen trotz des Arbeiteraufstandes fertig gestellt. Der Innenhofbereich wurde parkähnlich angelegt. Ursprünglich sollten hier ein Waschhaus und Kinderbetreuungseinrichtungen Platz finden. Da das kleine Viertel etwas versteckt hinter der monumentalen Häuserzeile der heutigen Karl-Marx-Allee liegt, verzichtete Leucht weitgehend auf eine prächtig-ausladende Gestaltung der Fassaden. Zwar bediente er sich klassizistischer Architekturdetails, doch einzig der siebengeschossige Häuserblock Weidenweg 5 bis 15 ist im Aussehen denen auf der Magistrale vergleichbar. Er war von der breiten Hauptstraße aus einsehbar und sollte die Stalinallee als leicht zurückversetzter Riegel architektonisch nach Norden hin abschließen. Mitte der fünfziger Jahre wurden auch die an den "Block 40" angrenzenden Flächen in das Gesamtkonzept "Stalinallee" aufgenommen, enttrümmert und bebaut. Hierzu gehören die übrigen Wohnanlagen und Miethäuser im Weidenweg sowie in der Löwe- und Richard-Sorge-Straße, die sich im Besitz der WBM Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte befinden. Sie wurden mehrheitlich vom Planungsbüro Hochbau I Groß-Berlin entworfen und stehen wie der "Block 40" heute unter Denkmalschutz.

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Denkmale in Berlin-Kreuzberg

  • Die Luisenstadt

    Früh zu sterben, hat zumindest einen großen Vorteil: In der Erinnerung bleibt man ewig jung und schön. So erging es auch der preußischen Königin Luise von Mecklenburg-Strelitz, der Gattin von Friedrich Wilhelm III., die sich aufgrund ihrer Anmut und Herzlichkeit einer großen Beliebtheit erfreute. 1802 wurde schließlich ein ganzes Stadtviertel nach ihr benannt: die Luisenstadt, heute auf dem Gebiet von Mitte und Kreuzberg gelegen. Ihr Sohn Friedrich Wilhelm IV., der wahrscheinlich lieber Architekt als König geworden wäre, ließ das ursprüngliche "Köpenicker Viertel" nach seinen Vorstellungen um- beziehungsweise neugestalten und vertraute dabei ein paar Männern, die die Stadtplanung Berlins nachhaltig prägten: James Hobrecht und Peter Joseph Lenné, und nicht zu vergessen, den "Architekten des Königs", Friedrich August Stüler. Letzterer kreierte 1844/45 mit der St.-Jacobi-Kirche in der Oranienstraße quasi das Zentrum der Luisenstadt. 

    Bis heute ist sie eines der ältesten erhaltenen Gebäude des Viertels. Außerdem verwirklichten die Stadtplaner zu jener Zeit zwei Großprojekte: den Luisenstädtischen Kanal, in den 1920er-Jahren wieder zugeschüttet, und den Landwehrkanal, der die Luisenstadt im Süden begrenzte und bis heute Kreuzberg prägt. Rund zehn Jahre später folgte in der Annenstraße die Evangelisch-Lutherische Kirche, ein weiterer Mittelpunkt, um den in der Folgezeit die meisten Gebäude aus dem Boden schossen.

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  • Oranienstraße 43 und 44

    Die Stadt war zu diesem Zeitpunkt längst, im wahrsten Sinne des Wortes , an ihre Grenzen gekommen. Seit den 1730er-Jahren lag die Luisenstadt innerhalb der Berliner Zollmauer. In der Regierungszeit Friedrich Wilhelms IV. (1840–1861) begann die stärkere Besiedelung des Vorstadtviertels, die bald darauf kaum mehr zu bewältigen war: Die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts führte zu einem massenweisen Zuzug. Alle strömten in die Stadt, erhofften sich Arbeit und Lohn, brauchten ein Dach über dem Kopf – und die Luisenstadt gehörte bald zu den am dichtesten besiedelten Vierteln Berlins. 

    Die Stadt war zu diesem Zeitpunkt längst, im wahrsten Sinne des Wortes , an ihre Grenzen gekommen. Seit den 1730er-Jahren lag die Luisenstadt innerhalb der Berliner Zollmauer. In der Regierungszeit Friedrich Wilhelms IV. (1840–1861) begann die stärkere Besiedelung des Vorstadtviertels, die bald darauf kaum mehr zu bewältigen war: Die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts führte zu einem massenweisen Zuzug. Alle strömten in die Stadt, erhofften sich Arbeit und Lohn, brauchten ein Dach über dem Kopf – und die Luisenstadt gehörte bald zu den am dichtesten besiedelten Vierteln Berlins. Klar, dass Wohnraum ein knappes Gut wurde, an dem so mancher kräftig mitverdienen wollte. Zimmerer, Baumeister, Maurer – sie alle bauten Mietskasernen. So auch ein gewisser Friedrich Engel, vielleicht Bauunternehmer, auf jeden Fall Bauherr, der sich mit einigen Häusern in der Luisenstadt wahrscheinlich seine Altersvorsorge sicherte. 1861, das als Baujahr für seine Häuser Oranienstraße 43 und 44 angegeben wird, war seine Berufsbezeichnungen zumindest bereits „Rentier“. Während die Hausnummer 44 eine reich ornamentierte Straßenfassade mit Gesimsen, Fensterverdachungen und Pilastern über zwei Etagen aufweist, hat sich der Fassadenstuck in der benachbarten 43 nicht bis heute erhalten. Beide in geschlossener Bauweise errichtete Wohnhäuser wurden bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehrfach um- beziehungsweise ausgebaut – eine Folge der extremen Wohnungsnot. Wie die Menschen darin hausten und wie schlecht die hygienischen Bedingungen darin waren, möchte man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

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  • Oranienstraße 162

    Engel baute noch ein weiteres Haus in der Oranienstraße, die Nummer 162. Das Landesdenkmalamt gibt als Datierung 1863 an, auch hier folgte bereits 1885 der nächste Umbau. Auffallend ist die völlig gleich gestaltete Fassade mit dem Nachbarhaus, die sich nur in der „Gewerbezone“ im Erdgeschoss unterscheidet: Seit 1902 existiert an dem Standort das Lokal "Max und Moritz". Wilhelm Busch persönlich hatte den Namen damals abgesegnet. Zu Gast war er wohl nie – im Gegensatz zu Paul Lincke, Heinrich Zille oder, viel, viel später, den Gründern der „Alternativen Liste“. Nicht nur die typische Gründerzeitfassade, vor allem die Details aus einem späteren Umbau in den 1920er-Jahren machen das "Max-und-Moritz"-Haus zu einem besonderen Objekt: Hervorzuheben sind in erster Linie die Fliesen aus der Kieler Kunst Keramik! 

    Auf ihrer Webseite beschreiben die "Max-und-Moritz"-Betreiber ihr Wirtshaus so: "Glücklicherweise ist aber der große Teil des Inventars erhalten geblieben, was das Flair dieses Wirtshauses ausmacht. Angefangen von dem Gründerzeitmobiliar, den Wandreliefs, die die kurze Lebensgeschichte von Max und Moritz erzählen, den fein lackierten blau-grünen Wandfliesen, den Glasmalereien und Schmiedearbeiten, bis hin zu vielen Jugendstildetails und Stuckarbeiten: Alle Elemente erzählen von der über 100-jährigen Geschichte des berühmten Lokals, die man hier einatmen kann." Kein Wunder, dass das "Max und Moritz" als eine Kreuzberger Institution gilt.

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  • Dresdener Straße 115

    Ebenfalls aus dem Besitz des Rentiers Friedrich Engel ist auch die Dresdner Straße 115 nahe des Oranienplatzes, das Wohnhaus steht wie die meisten in diesem Viertel als Ensembleteil unter Denkmalschutz. Der Mann scheint wohl so eine Art "Immobilienmogul" der Luisenstadt gewesen zu sein. In diesem Fall wurde die Ecklage genutzt, um der Fassade eine besondere Gliederung zu geben: Ein Erker über dem Hauseingang krönt die Beletage, in der zweiten Etage ist der Ausgang auf den Balkon mit einer Giebelverdachung versehen, die sich von den Stuckelementen der anderen Fenster abhebt.

    Typisch für die Gründerzeit ist die horizontale Geschoss-Gliederung mit Hilfe von Gesimsen, unterschiedlichen Verdachungen sowie den unter der Dachtraufe laufenden Friesen. Die Rundbogenfester im Dachboden betonen die abgeschrägte Fassade über dem Eingangsportal, die sich über insgesamt drei Achsen erstreckt. Von fast allen Fenstern aus hatte man einen Blick auf das trubelige Leben der gegenüberliegenden Markthalle, und auch im eigenen Hof herrschte mit Sicherheit eine Mischung aus Wohnen und Gewerbe vor.

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  • Dresdener Straße 27

    Die Anlage war eine von ursprünglich 14, die Ende des 19. Jahrhunderts im Auftrag des Berliner Magistrats gebaut wurden und sich über die Stadt verteilten. Verantwortlich für Entwurf und Planung war der Architekt und Stadtbaurat Hermann Blankenstein. Er leitete zwischen 1872 und 1896 das Berliner Hochbauamt. Einer seiner Mitarbeiter war August Lindemann, der als Stadtbauinspektor und studierter Architekt mit der Ausführung der Pläne betraut wurde. Ziel war es, die Versorgung der schnell wachsenden Stadtbevölkerung mit Lebensmitteln sicherzustellen. Schließlich hatte sich Berlin innerhalb kürzester Zeit Berlin von einer eher verträumten Residenzstadt zu einer pulsierenden Industriemetropole entwickelt. Die offenen Märkte, so legte Lindemann später dar, genügten "in keiner Weise" für die Ernährung der Bewohner und führten "zu einer immer fühlbareren Steigerung der Lebensmittelpreise". 

    Lindemann vertrat die Ansicht, dass sich die Versorgungsprobleme mit Einführung eines Markthallensystems, wie es dieses bereits in Paris, London und anderen Großstädten gab, in den Griff bekommen ließen. Vor allem ging es ihm darum, adäquate Lager- und Verkaufsräume für die leicht verderblichen Waren zu schaffen und die hygienischen Zustände zu verbessern. Im Gegensatz zu den Wochenmärkten sollten die Markthallen täglich vormittags und nachmittags geöffnet sein, sodass jeder zu „einer ihm genehmen Zeit, geschützt gegen die Unbilden der Witterung, seine Einkäufe machen“ könne. Ein "regelmäßiger Absatz und damit die normale Bildung der Marktpreise" seien so ebenfalls gewährleistet, wie Lindemann meinte. Zeitgleich sollten die offenen Wochenmärkte geschlossen und an ihrer Stelle Park- und Gartenanlangen gebaut werden – "wertvolle Erholungsstätten besonders für die weniger begüterten Teile der Bevölkerung". 

    1888: Eröffnung der Markthalle VII

    Nach Jahrzehnten politischer Querelen und finanzieller Schwierigkeiten gelang es Blankenstein und Lindemann, in einem Zeitraum von nicht einmal zehn Jahren Berlin mit einem Netz von mehr als einem Dutzend Markthallen zu versehen. Allein 1888 wurden gleich vier Areale in Betrieb genommen, unter ihnen auch die Markthalle VII. Sie eröffnete am 23. Mai nach knapp zehnmonatiger Bauzeit. Für die örtliche Bauleitung war der Regierungsbaurat C. Geick verantwortlich. Die flache Eisenkonstruktion mit ihren gemauerten Fassaden verfügte über mehrere Zugänge und bot rund 400 Ständen Platz. Zahlreiche Vorschriften regelten die Nutzung der neuen Halle. So war beispielsweise festgesetzt worden, dass die Anlieferung mit dem Wagen nur durch das Tor an der Dresdener Straße 27 erfolgen durfte, und dies auch nur zu bestimmten Zeiten. "Sobald durch Glockenzeichen der Marktverkehr in den Markthallen eröffnet ist, werden die Einfahrtstore geschlossen", hieß es dazu in der Polizeiverordnung. Verstöße konnten mit einer hohen Geldbuße und "im Unvermögensfalle mit verhältnismäßiger Haft" hart bestraft werden. Der eigentliche Haupteingang der Markthalle lag an der Ecke Legiendamm / Waldemar Straße. Dennoch zeigt auch das Gebäude in der Dresdener Straße 27 eine ungewöhnliche Fülle an Schmuckornamenten. Bemerkenswert ist vor allem die Verwendung verschiedener Baumaterialien mit unterschiedlichen Stilelementen. "So vermischt sich am Eingangsbau der Markthalle [...] der klassizistische Dekor der Ziegelwand mit dem bereits neubarocken der unteren Sandstein-Arkaden," wie die Kunsthistorikerin Eva Börsch-Supan schreibt. Der dreiflügelige Gebäudekomplex in der Dresdener Straße 27 beherbergte neben diversen Lager- und Geschäftsräumen ursprünglich auch Zimmer für die Marktpolizei und "Aborte für diese und die Ladenmieter", so Lindemann. In den oberen Stockwerken befanden sich zudem mehrere Vier- und Fünf-Zimmer-Wohnungen. Über einen kleinen Hof gelangte man direkt in die Markthalle. Die Marktverwaltung hingegen war wie die zur Markthalle gehörige "Speisewirthschaft" am Legiendamm untergebracht. Zwei doppelstöckige Gebäude waren dafür vorgesehen, von denen lediglich das Gasthaus erhalten geblieben ist. Es steht wie der Eingangsbau in der Dresdener Straße unter Denkmalschutz und ist heute wie damals ein Restaurant.

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  • Dresdener Straße 118

    Eckig, gerade, rund – auf diese Formen stand wohl der Bauherr der Dresdner Straße 118. So erhielten die Fenster im ersten Geschoss auf den Wunsch eines Herrn namens Doepke Verdachungen in Giebelform sowie Friese und ornamentierte Rahmungen, in der zweiten Etage kleine geradlinige Gesimse und in der dritten Etage Neorenaissance-Rundbögen. Als Baujahr des Mietshauses wird 1861 angegeben. Wie in allen Gründerzeithäusern rund um den Oranienplatz waren in den Ladenlokalen Gewerbe untergebracht – heute findet sich darin ein Buchverlag mit seinem Showroom.

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  • Oranienplatz

    Oranienplatz 3 und 5

    Der Oranienplatz entstand im Zuge des Baus des Luisenstädtischen Kanals und wurde nach den Plänen des bekannten Landschaftsarchitekten Peter Joseph Lenné in den Jahren 1841–1852 angelegt. Kurz nach der Jahrhundertwende erfuhr er nochmals eine Umgestaltung durch Erwin Barth. So wie die meisten 19.-Jahrhundert-Mietshäuser des Kiezes in die Liste der Berliner Denkmale eingetragen sind, so ist auch der Kreuzberger Platz ein geschütztes Gartendenkmal. Immerhin hat er sich bis heute in seiner städtebaulichen Gestaltungsfunktion erhalten, während mit dem Kanal nach knapp 70 Jahren Schluss war: Ein Konstruktionsfehler hatte eine stehende Brühe aus ihm werden lassen, sodass man froh war, die stinkende Grube wieder loszuwerden. Der U-Bahn-Bau mit Tonnen Bauschutt bot dazu eine gute Gelegenheit. So entstand das heutige Engelbecken.

    Oranienplatz 5

    Eines der ältesten Häuser auf dem Oranienplatz ist die Hausnummer 5, deren Entstehung auf dem Jahr 1829 datiert. Die spätklassizistischen Fassadenornamente, die die Symmetrie des Hauses durch die Betonung der Mittelachse hervorheben, stammen wahrscheinlich von einem Umbau in den 1880er-Jahren. Vor allem das zentrale Mitte-Mitte-Fenster in der zweiten der drei Etagen erhielt einen besonders reichen Schmuck. Für den Entwurf war vermutlich der Maurermeister Hecht zuständig.

    Zu diesem Zeitpunkt wurde auch eine Badeanstalt in den Nebengebäuden des Oranienplatzes 5 eröffnet: das Admiralsbad, 1888 von Hecht und Richter erbaut. Das Mietshaus, als deren Bauherr der Gärtner Nicola genannt wird, ist gemeinsam mit dem Fabriksgebäude sowie dem Admiralsbad als Baudenkmal eingetragen.

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  • Oranienplatz 3

    Direkt nebenan, auf dem damals bereits neu angelegten Oranienplatz, wurde die Hausnummer 3 in geschlossener Bauweise neben dem Haus mit dem Admiralsbad errichtet. 1859 wurde es erbaut, im Jahre 1884 erhielt es wie so viele Häuser der Luisenstadt einen gründerzeitlichen Umbau. Auch hier zeichnete sich ein Maurermeister für die Gestaltung verantwortlich, sein Nachname war Schütz. Auch die anderen Mitwirkenden waren Handwerker, die vom Bauen Ahnung hatten: ein Zimmermeister namens Hausschultz und ein Bauherr, der Maurerpolier war und Docke hieß.

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  • Muskauer Straße 21

    Das "Boll’sche Haus", wie es im Berliner Adressbuch von 1872 heißt, war eines der ersten, das in der neu angelegten Muskauer Straße errichtet wurde. Eigentümer war der Ingenieur A. Boll, der sich auf dem neu erschlossenen Gelände mit einer Maschinenbauanstalt für mechanische Webstühle zur Teppichfabrikation selbstständig machte. Vermutlich handelte es sich zunächst um ein einfaches Gebäude. Denn erst 1877 wurde auf dem Grundstück jenes stattliche, fünfgeschossige Mietshaus gebaut, das dort noch heute steht. Die Putzfassade ist prächtig ausgebildet und weist mit den sich über zwei Stockwerke spannenden Kolossalpilastern und den verspielten Fensterbekrönungen neobarocke Formen auf. Gestalterisch besonders hervorgehoben ist die Hausachse am linken Außenrand mit der breiten Tordurchfahrt. Sie erschließt das rückwärtige Gebäudeareal. Hier im Hof betrieben Boll und später sein Sohn über 40 Jahre lang ihre Maschinenproduktion. Die Familie selbst wohnte in der ersten Etage des Vorderhauses, der Beletage. Die anderen Wohnungen waren überwiegend an Handwerker vermietet, die wahrscheinlich in den umliegenden Betrieben arbeiteten.

    Schon damals war das Viertel, die so genannte Luisenstadt, von diesem engen Nebeneinander aus Wohnen, Arbeit und Erholung geprägt, der später als "Kreuzberger Mischung" bezeichneten typischen "Bau- und Sozialstruktur", wie der Architekturhistoriker Bernd Nicolai schreibt. Ausgelöst durch die industrielle Revolution, in deren Folge viele Arbeitssuchende nach Berlin kamen, stieg ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Einwohnerzahl sprunghaft an. Ein regelrechter Bauboom setzte gerade in den dünn besiedelten Vororten ein und trieb die Grundstückspreise in die Höhe. Freiflächen wurden parzelliert und zusätzliche Verkehrswege angelegt. Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelte sich aus dem eher ländlichen Gebiet östlich des 1852 eröffneten Luisenstädtischen Kanals, dem heutigen Engelbecken, ein dicht bebautes Quartier mit Kleinindustrie und mittelständischem Gewerbe – und zum Teil katastrophalen Wohnbedingungen. Das "Boll’sche Haus" in der Muskauer Straße 21 ist somit nicht nur eines der ältesten Gebäude der Straße. Es ist auch ein wichtiges Zeugnis dieser tief greifenden wirtschaftlichen, sozialen und städtebaulichen Veränderungen im Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

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  • Naunynstraße 35, 36/36A

    Auch die Naunynstraße ist im Hobrecht-Plan bereits eingezeichnet. Sie hieß damals noch Dennewitzstraße und war zum Zeitpunkt der Planerstellung im Grunde eine große Baustelle. Eines der ersten Häuser, das 1862 fertiggestellt wurde, war die Nummer 35. Eigentümer und Architekt war der Zimmermeister E. Hauff. Dies war typisch für die Zeit, waren es doch "vornehmlich Handwerksmeister, die auf ihren Parzellen zur Straße hin einfache zwei- bis dreistöckige Wohnhäuser" und dahinter meist "einen Seitenflügel und eine Remise für Wohnen, Gewerbe und Zugpferde" errichteten, wie der Historiker Hasso Spode schreibt. Häufig veräußerten sie ihre Häuser relativ schnell weiter, wie auch Hauff dies tat, um neue Projekte in Angriff zu nehmen. Es herrschte eine Art Goldgräberstimmung, die mit dem Börsenkrach von 1873 allerdings zunächst ein jähes Ende fand. In den 1880er-Jahren waren es dann vor allem finanzkräftige Investoren, die den Immobilienmarkt mit Neu- und Umbauten wieder anheizten und die letzten Freiflächen mit Mietblöcken verdichteten. So wurden an dem Haus in der Naunynstraße 35 in diesen Jahren ebenfalls bauliche Veränderungen vorgenommen. Vermutlich datiert die historistische Putzfassade mit ihren variationsreichen Fensterverdachungen noch aus dieser Zeit. 

    Das Nachbarhaus 36/36 A sah von außen wahrscheinlich einmal ganz ähnlich aus. Von der ursprünglichen Fassade hat sich hier indes kaum etwas erhalten. Errichtet wurde das Gebäude 1863 von Johannes Hoppe, einem Maurermeister, der zusammen mit dem Zimmermeister Colani auch den Entwurf dafür lieferte. Bereits ein Jahr später verkaufte Hoppe das Mietshaus an einen Klempner namens Wagener. In späterer Zeit folgten – genau wie in der Naunynstraße 35 – Umbauten. Trotz dieser Veränderungen stehen beide Häuser heute unter Denkmalschutz. Sie gehören zum weitläufigen und historisch wie architektonisch wertvollen Städtebauensemble "Oranienstraße".

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  • Luckauer Straße 16

    Die Mauer verlief keine 20 Meter von hier. Sie durchschnitt die Kreuzung Luckauer-/ Sebastianstraße und teilte Berlin für über 25 Jahre in West und Ost. Für die Kreuzberger war der Mauerbau 1961 "ein Schockerlebnis", wie der Historiker Hasso Spode schreibt. Die Grenze riss ihr historisch gewachsenes Stadtviertel, die ehemalige Luisenstadt, quasi über Nacht auseinander und rückte es von der Stadtmitte an die Peripherie. Was im Westen folgte, waren Lähmung und Stagnation. Im Schatten der Mauer schritt der Verfall der Altbauten voran, verfehlte Sanierungskonzepte des West-Berliner Senats taten ein Übriges. Erst als sich Ende der 1970er-Jahre heftiger Widerstand regte, begann sich die Idee von einer "behutsamen Stadterneuerung" durchzusetzen. Die typische "Kreuzberger Mischung" aus Arbeit, Wohnen und Freizeit, die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert das Stadtbild dieser Gegend maßgeblich bestimmt hatte, sollte erhalten bleiben und den modernen Bedürfnissen umsichtig angepasst werden. Die Parole hieß: Rückbesinnung und Innovation. 

    Seit der Wiedervereinigung liegt die ehemalige Luisenstadt wieder im Zentrum der Stadt. Ihr reicher Bestand an Altbauten wurde unter Schutz gestellt und weitgehend saniert. Ein großer Teil gehört zum Denkmalbereich "Oranienstraße", so auch die Häuser in der Luckauer Straße 16 und 17. Sie sind um 1870 im Auftrag des Architekten C. August Böllert entstanden. Für das imposante Eckhaus Luckauer Straße 17 / Oranienstraße 48 fertigte Böllert gemeinsam mit dem Kollegen A. E. Witting auch die Entwürfe an. Die Fassade des fünfgeschossigen Mietshauses wirkt auf den ersten Blick eher zurückgenommen. Es sind vor allem Gesimse und Ornamentbänder, die sie mit einer für die Entstehungszeit typischen Rustizierung gliedern. Auffallend ist die starke Betonung der Gebäudeecke durch einen turmartigen Eckrisaliten, der im gegenüberliegenden Haus seine architektonische Entsprechung findet. 

    Die Fassade des Nachbarhauses in der Luckauer Straße 16 ist aufwendiger gestaltet. Zwar sind auch hier die einzelnen Stockwerke durch Gesimse voneinander getrennt und mit einem rustizierten Putz versehen, doch schmücken dekorative Fensterverdachungen die straßenseitige Gebäudefront zusätzlich. Im ersten Stock des Hauses, der so genannten Beletage, wohnte Böllert über viele Jahre selbst. Als er 1887 starb, erbten seine Angehörigen die beiden Anwesen. 

    Den Bau des "Deutschen Hofs" erlebte Böllert nicht mehr. Das prächtige Hotel wurde erst Anfang der 1890er-Jahre auf dem benachbarten Grundstück in der Luckauer Straße 15 errichtet. In der Weimarer Zeit avancierte es zu einem beliebten Versammlungsort der sozialdemokratischen Partei. Nach Kriegsende fand hier am 17. Juni 1945 die Wiedergründung der Berliner SPD statt, bei der Otto Grotewohl, der spätere erste Ministerpräsident der DDR, in das Vorsitzendengremium des SPD-Zentralausschusses gewählt wurde. Dass einmal eine Grenzmauer Deutschland in zwei Staaten teilen und in Sichtweite von hier stehen würde, konnte damals wohl kaum einer ahnen. Anders als die beiden Böllert’schen Häuser sind heute sowohl Mauer als auch Hotel verschwunden. Dort, wo einst der "Deutsche Hof" stand, klafft eine Baulücke. Das stark zerstörte Gebäude wurde in der Nachkriegszeit abgerissen.

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  • Luckauer Straße 17

    Die Texterläuterung finden Sie unter dem Bild Luckauer Straße 16.

    Ende der Luisenstadt

    Das 20. Jahrhundert brachte schließlich einige historische  Ereignisse für Berlin und damit die Luisenstadt mit sich: Erster Weltkrieg, Ende des Kaiserreichs, Weltwirtschaftskrise, Machtübernahme der Nationalsozialisten, Zweiter Weltkrieg, Aufteilung Berlins in die Zonen der Alliierten, Mauerbau quer durch die Luisenstadt hindurch. Ein Teil fiel an Ost-Berlin, der andere, der Kreuzberger Teil, gehörte zu West-Berlin und wurde das berühmt-berüchtigte SO 36. Nicht nur die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges hatten dem Viertel stark zugesetzt, nun sollte auch noch der Rest abgerissen werden und Platz für eine Autobahntrasse machen. Die Häuser wurden entmietet, die Altbausubstanz der Gründerzeithäuser verfiel zusehends. Dies war ab 1968 die Stunde der Hausbesetzer: In der Kreuzberger Luisenstadt, deren Name längst in den Bezirken Mitte und Kreuzberg aufgegangen war, entstand eine Alternativszene, die den Ruf Kreuzbergs nachhaltig bestimmte. Mit ihr kamen die Gastarbeiter, Studenten und Künstler – wieder Menschen, die auf der Suche nach günstigem Wohnraum waren. Die Geburtsstunde von Multikulti! 

    Alles, was die Turbulenzen der letzten fast 200 Jahre überstand, erstrahlt heute – auch dank Denkmalschutz – in einem besonderen Glanz. Die Luisenstadt-Gründerzeithäuser sind zu großen Teilen hübsch saniert, leider konnten sich die Stuckfassaden nicht immer über die Zeit retten. Das SO 36 ist mit seinen hunderten Restaurants und Cafés zu einem beliebten Ausgehviertel geworden. Und zu einem der begehrtesten – und damit teuersten! – Wohnviertel der Stadt. Die wunderschöne Königin Luise macht den Straßen rund um den Oranienplatz also bis heute alle Ehre!

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STOLPERSTEINE

Erinnerung in Messing

Gut 42.500 Stolpersteine erinnern an das Schicksal der Bewohner unserer Städte zwischen 1933 und 1945. Wir haben uns in unseren Beständen auf die Suche gemacht.

Stolpersteine im Bestand der WBM GmbH

HISTORISCHES IN MITTE

Mitte erzählt

Ab 1237: Vom Gründungskern aus in alle Richtungen.

Mitte Geschichten (n)